Sexualität und Behinderung

Inhaltsverzeichnis:

Was ist Sexualität?

Der Begriff “Sexualität” bedeutet sinngemäß nichts weiter als “Geschlechtlichkeit”(daher engl. sex) und definiert in erster Linie nichts anderes als unser Geschlecht. Weiterhin ist die Sexualität für die Fortpflanzung bei allen Lebewesen (Menschen, Tiere, Pflanzen) zuständig. Für den Menschen und einigen anderen Lebewesen ist jedoch auch die weitere Bedeutung der Sexualität, bezogen auf Verhaltensweisen, Empfindungen und dem Zusammenleben von zwei oder mehreren Individuen oder Gruppen ebenso von Bedeutung.

Sexualität im Kindesalter

Untersuchungen haben ergeben, dass bereits während der Schwangerschaft die ungeborenen Kinder bereits sinnliche Erfahrungen machen, z. B. durch Lutschen am Daumen oder der Kontakt mit dem warmen Fruchtwasser. Direkt nach der Geburt erleben Säuglinge viele sogenannte Lustgewinne über den Mundraum. Dabei spricht man auch von der “Oralen Phase”. Dies geschieht durch das Stillen, durch den Schnuller und später durch die Wahrnehmung von Sachen, indem sie diese in den Mund stecken. Auch über die Haut werden durch z. B. Streicheln positive sinnliche Erfahrungen gemacht, jedoch auch negative wie Schmerzen.

Ab dem Zeitpunkt, an dem Säuglinge ihre Bewegungen steuern können, gehört die Erforschung des eigenen Körpers dazu. Das “Rumspielen” an den Genitalien empfinden bereits Kleinkinder als lustvoll und gehört zu sexuellen Entwicklung dazu. Auch die Doktorspiele unter Kindern gehören zur gesunden Entwicklung. Jedoch sollten diese nur unter bestimmten Regeln stattfinden. Diese, manchmal auch gegenseitigen Erfahrungen, sind ein wichtiger Bestandteil unserer Geschlechtsidentität und psychosexuellen Entwicklung.

Sexualität im beginnenden Jugendalter

Für die Eltern bedeutet die Zeit der Pubertät oft, dass schwere Zeiten auf sie zukommen. Es gibt Streit, die Kinder “zicken” rum, vernachlässigen Hausarbeit und Schule, haben keinen Bock, rebellieren, betrinken sich, wollen bei der Freundin/ dem Freund übernachten, kommen zu spät nach Hause usw. Aber warum verhält sich das Kind so?

Bei Mädchen stellt sich ab circa zehn Jahren der Hormonhaushalt um. Jungen sind ein wenig später dran. Was sich in dieser Zeit vom Körperlichen her beim Menschen ändert, sollte bekannt sein. Innerlich stecken die Kinder in einem Hin und Her. Auf der einen Seite werden sie erwachsen und wollen auch so behandelt werden. Sie möchten ihre Freiheiten, ein Mitbestimmungsrecht und äußerlich wie Erwachsene wirken. Auf der anderen Seite möchten sie ihr Zuhause nicht verlieren und die Geborgenheit und Nähe zur Familie halten. Aus dem Zwiespalt kommt es dadurch häufig zu Konflikten mit den Eltern, die sich in der Regel nach ein paar Tagen wieder legen. Während der Pubertät probieren Kinder vermehrt ihre Freiheiten und Grenzen aus. Sie fordern mehr Freiräume ein, indem sie zum Beispiel auch mal die Türe abschließen oder nicht mehr überall hin mit ihren Eltern mitgehen wollen. Auch das gegenseitige Interesse zwischen Männern und Frauen rückt nun vermehrt in den Vordergrund und ist für die sexuelle Entwicklung wichtig. So werden die ersten “Schmetterlinge im Bauch” losgelassen und der erste Kuss ist auch nicht mehr fern.

Auch sexuell gesehen machen die Kinder einen riesigen Sprung. Mädchen werden zu Frauen und können eigene Kinder bekommen. Jungen werden zu Männern und können Kinder zeugen. Auch die klassischen Rollenverteilungen werden durch z. B. Berufswahl und Freizeitakivitäten deutlicher.

Behinderung und Sexualität – ein Tabu?

Aussagen wie “Sexualität? Hat mein Kind nicht.” sind bei Eltern von Kindern mit Behinderungen mittlerweile nicht mehr so häufig wie vor etwa 30 Jahren, aber es gibt sie weiterhin. Viele betroffene Eltern haben ihre Denkweise geändert, werden allerdings immer noch von gesellschaftlichen Meinungen beeinflusst. Und die allgemeinen Vorstellungen gehen heute leider noch meistens in die Richtung des “triebgesteuerten geistig Behinderten”, dem “asexuellen Wesen” oder dem “Lüstling”, der sich nicht unter Kontrolle hat.

Warum ist dieses Thema so schwierig? Ein kurzer Erklärungsansatz.

Bis zur heutigen Elterngeneration sind Menschen im Schnitt eher schlecht aufgeklärt worden. In den Schulen begann die Aufklärung erst in den späten 60er Jahren und Zuhause war es ein absolutes Tabu. Damals holte man sich die Informationen aus dem Freundeskreis. Dies geschieht auch heute noch. Die meiste “Aufklärungsarbeit” geschieht durch Gleichgesinnte. Die Aufklärung in den Schulen ist eher funktional ausgerichtet und zu Hause ist es “geduldet” aber eher unbeliebt. So ist es bei Behinderten und Nichtbehinderten ein schwieriges Thema, das noch viel Zeit und Arbeit bedarf.

Bei Menschen mit Behinderungen ist die Aufklärungsarbeit meistens sehr schlecht. Erschwerend dazu kommt, dass einige Eltern ihr Kind gut behüten. Manchmal so gut, dass sie alle Dinge, die “Probleme” verursachen könnten bewusst von ihren Kindern fernhalten. Dazu gehört auch immer wieder das Thema "Erwachsen werden", Sexualität und die damit verbundene Aufklärung. Diese Themen bedeuten für einige Eltern zusätzliche Probleme, die nicht sein müssen. Somit versuchen sie den Sexualtrieb und das Erwachsenwerden zu “verhindern”. Und dabei kommt es zu Problemen, die sich meistens schädigend auf die psychische Entwicklung des Kindes auswirken. Wie bereits erwähnt: Sexualität gehört zum Leben dazu und kann nicht vermieden werden. Man kann aber lernen richtig damit umzugehen.

Auch die Aufklärung unter Gleichgesinnten ist bei Menschen mit Behinderungen fast unmöglich. Wie soll man sich gegenseitig helfen, wenn alle denselben schlechten Aufklärungsstand haben? Des Weiteren wird Menschen mit Behinderung durch meist die institutionelle Anbindung gar keine Möglichkeit gegeben sich zurückzuziehen und sich über intime Sachen auszutauschen.

Das Bild, welches viele Menschen mit Behinderung haben, kommt aus den Medien. Dies ist ein total irreführendes und falsches Bild. Die Sexualität in Fernsehen, Zeitschriften und Radio reduziert sich meist auf erotische Phantasien und Sexualität im Sinne von Geschlechtsverkehr. Zudem vermitteln die Medien sehr oft ein sexistisches und frauenfeindliches Bild. Also genau die falsche Art von Aufklärung.

Dies sind nicht alle Gründe, aber sicherlich die, wodurch die meisten Missverständnisse entstehen.

Raúl Krauthausen, Rollstuhlaktivist und Gründer des gemeinnützigen Vereins Sozialhelden e.V., verrät persönliche Erfahrungen: die Angst vor dem ersten Mal und einiges mehr: www.youtube.com/watch

Sexuelle Entwicklung bei Menschen mit Behinderungen

Bei der sexuellen Entwicklung von Menschen mit und ohne Behinderung gibt es im Wesentlichen keinen großen Unterschied. Es sollte hierbei allerdings von der körperlichen und kognitiven, also geistigen Entwicklung unterschieden werden.

Die körperliche Entwicklung von Kindern mit Behinderung läuft während der Pubertät nahezu identisch mit der von nichtbehinderten Kindern ab. Die Pubertät setzt im Schnitt bei Menschen mit Behinderungen jedoch ein wenig später ein. Es gibt zudem einige Behinderungsarten, bei der die Entwicklung sehr stark verzögert abläuft oder bei denen es bei den inneren und äußeren Geschlechtsorganen zu Fehlbildungen kommen kann. Dazu gehören unter anderem das Prader-Willi-Syndrom, das Klinefelter-Syndrom und Trisomie 9. Weiterhin können körperliche Beeinträchtigungen wie Spastiken oder Muskelschwächen die psychosexuelle Entwicklung, wie am Daumen lutschen oder seinen Körper abtasten zum Teil stark beeinträchtigen.

Die eigentlichen Probleme in der sexuellen Entwicklung entstehen dadurch, dass der Stand der geistigen und körperlichen Entwicklung oft weit auseinander geht. So ist das Kind z. B. körperlich schon oft ein erwachsener Mann oder eine erwachsene Frau, die geistige Entwicklung hängt allerdings noch viele Jahre zurück. Dadurch verstehen Kinder oder Jugendliche nicht, warum Mama anders aussieht als Papa, warum sich ihr eigener Körper verändert oder wie das mit dem "Kinderbekommen" richtig funktioniert. Sie nehmen solche Dinge wahr, verstehen sie aber oft nicht. Daher ist eine frühe und regelmäßige Aufklärung sehr wichtig. Wie soll ein Kind wissen was mit ihm passiert, wenn man es ihm nicht erklärt?

Sexualerziehung bei Kindern mit Behinderung

Zuerst sollte man sich eingestehen, dass die Sexualität seines Kindes etwas ist, was auf jeden Fall auf einen zukommen wird. Auch die eigene Rolle als Aufklärer sollte man sich bewusst machen. Wenn einem das Thema unangenehm ist oder man nie richtig aufgeklärt worden ist, sollte man sich Hilfe holen oder jemand anderen aus der Familie die Aufklärung überlassen. Es gibt mittlerweile sehr viel Literatur über Aufklärungsarbeit und Sexualerziehung. Auch speziell für Mädchen und Jungen mit Behinderungen. Weiterhin gibt es Hilfs- und Beratungsstellen, bei denen man sich Rat holen kann.

Die Aufklärung von Kindern spielt eine wichtige Rolle, man sollte sicherstellen, dass die Kinder rechtzeitig eine Antwort auf ihre Fragen bekommen. Das gilt für Kinder ohne und mit Behinderungen gleichermaßen.

Im Alter von zwei bis drei Jahren nehmen Kinder wahr, dass zwischen Mama und Papa ein Unterschied besteht. Ab dem vierten bzw. fünften Lebensjahr interessieren sie sich aktiv dafür und stellen dazu Fragen. Auch Kinder mit Behinderungen nehmen dies, wenn auch verzögert, wahr und zeigen daran Interesse. Klären Sie Ihr Kind also frühzeitig auf.

In der heutigen Zeit findet zwar Aufklärung statt, meistens aber viel zu spät. Dies betrifft auch die Behindertenhilfe, also Schulen, Tagesstätten und Wohnheime. Aufklärung muss geschehen, bevor ein Kind erwachsen wird und sich aktiv für Dinge wie Liebe, Sex, Verhütung interessiert. Sprechen Sie offen mit Ihrem Kind und beantworten Sie seine Fragen. Kinder fragen viel und interessieren sich ohne Scheu für Dinge im Leben, auch der eigenen Sexualität. Und wenn Sie mal keine Antwort parat haben, nehmen Sie sich die Zeit und gucken Sie mit ihrem Kind im Internet nach oder auf in der Bibliothek. Auch wenn Sie sich unsicher sind, wie man richtig aufklärt und was die richtigen Themen sind, können Sie sich bei Beratungsstellen Rat und Hilfe holen. Diese Stellen haben oft Bücher, Material und Tipps, die Sie sich mitnehmen können.

Anlaufstellen in unserer Adressdatenbank

Wir haben für Sie in einer Adressdatenbank für Bayern wichtige Adressen, die Ihnen weiterhelfen können, zusammengetragen.

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Quellen:

  • Autor des Urspungsartikels: Oliver Jäger (Dipl. Sozialarbeiter), Deutscher Kinderschutzbund Kreisverband Nürnberg e. V.

 

  • Achilles, Ilse: “Was macht ihr Sohn denn da?” Geistige Behinderung und Sexualität. Ernst Reinhardt Verlag 2005, 4. Auflage.
  • Boßbach; Raffauf; Dürr: Mama wie bin ich in deinen Bauch gekommen?, Vorlesebuch für Kinder, Weltbild 1998.
  • Cole: Mami hat ein Ei gelegt! Verlag Sauerländer 1995.
  • Körperbehindertenförderung Neckar-Alb (Hrsg.): Sexualität und Behinderung; Umgang mit einem Tabu. Attempto Verlag Tübingen 2000, 2. Auflage.
  • Müller; Geisler: Ganz schön aufgeklärt!, Loewe Verlag 1996.
  • Sanders, Pete; Swinden, Liz: Lieben, lernen, lachen: Sozial- und Sexualerziehung für 6- bis 12-Jährige. Verlag an der Ruhr 2006.

 

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