Anregungen für Eltern und Pädagogen

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Unterstützende Anregungen für Eltern und Pädagogen

Unterstützende Anregungen

Anregungen für die Eltern

Anregungen für die Pädagogen im Kindergarten/in der Schule

Anlaufstellen in der INTAKT-Adressdatenbank

Quellen und Literatur

weiterführende Links

Unterstützende Anregungen

Das selektiv mutistische Verhalten fällt meist mit Eintritt in den Kindergarten oder die Schule auf. Manchmal „schleicht“ sich das Schweigen ein. Wurden anfangs noch einzelne Sätze oder Wörter gesprochen, versickert die Kommunikation nach und nach. Aber es gibt auch die Umkehrung: So spricht das Kind zu Beginn des Kindergartens nicht; aber es öffnet sich nach und nach und spricht Einwortsätze und/oder flüstert mit einzelnen, ausgewählten Personen. Es kommt auch vor, dass das mutistische Kind ein „Helferkind“ findet, welches sprachliche Anforderungen der Pädagogen beantwortet.
Im Kindergarten erlebt sich das Kind mehr und mehr hilflos, in sich gefangen und es kann zu weiteren Reaktionen kommen. So kann es geschehen, dass das Essen und Trinken im Kindergarten vermieden (beides wäre mit Lautäußerungen verbunden) wird, ebenso der WC-Gang.
Die Eltern wissen meist von diesem Verhalten nicht, denn sie erleben ihr Kind im häuslichen Umfeld als überaus kompetent. Das Kind erzählt sehr engagiert von den Erlebnissen im Kindergarten, zeigt die Spiele, spielt Spiele nach, singt den Eltern die Lieder aus dem Kindergarten vor und wirkt fröhlich, offen.
Finden dann die ersten Elterngespräche statt, erzählen die Erzieherinnen u.a., dass das Kind schweigt, Mimik und Gestik zur Kommunikation einsetzt, den Blickkontakt vermeidet, im Spiel passiv bleibt, wenig Kontakt zu den Kindern aufnimmt. Das geschilderte Bild weicht entschieden vom Bild, welches die Eltern von ihrem Kind haben, ab. Eltern könnten sich durch Hospitation im Kindergarten ein eigenes Bild von dessen Verhalten machen und somit einen Eindruck erhalten, wie ihr Kind in einer fremden Umgebung agiert.
Bestätigt sich der Erstverdacht auf abweichendes Sozialverhalten, wäre der Besuch beim Kinderarzt ein nächster Schritt. Der Arzt sollte neben der Schilderung der Eltern noch zusätzlich die Verhaltensbeobachtungen durch die Erzieherin einholen oder in schriftlicher Form erhalten.

„Zwischen Erkennen der psychischen Störung und Therapiebeginn vergehen jedoch in der Praxis häufig bis zu 5  Jahre.“(Prof. Steinhauser Uni-Zürich)
Um dem Kind und den Eltern eine über die Gebühr lange Leidenszeit zu ersparen und um dem Kind eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung zu ermöglichen, sollte die Anmeldung zur Diagnostik bei einer:
-    regionalen, psychotherapeutischen Einrichtigung;
-    bei einem Kinder- und Jugendpsychiatrischen Zentrum (www.kinderpsychiater.org Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie; mit Adressliste) oder
(www.dgkjp.de Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie; mit Adressliste)
-    oder einem Kinderzentrum z.B. (www.kinderzentrum-muenchen.de)
erfolgen. Dabei sollten Sie Ihr Augenmerk, schon bei der Anmeldung, auf folgende Dinge richten:
-    Vereinbaren Sie ein Gespräch ohne Kind und lassen Sie sich erklären, welche Untersuchungen und/oder Tests vorgenommen werden.
-    Lernen Sie die Untersucher/Testpersonen, wenn möglich, kennen.
-    Fragen Sie nach der Dauer der Untersuchung/Testierung. So können Sie für das leibliche Wohl Ihres Kindes sorgen und ggf. Spielsachen und Snacks mitnehmen.
-    Bitten Sie darum, dass Ihnen der Diagnosebericht zugesandt wird. Bitten Sie um einen zeitnahen Diagnosebericht.
-    Bereiten Sie Ihr Kind auf das Kommende vor. Eventuell helfen Rollenspiele. Erklären Sie Ihrem Kind die Abfolge und sorgen Sie somit für größtmögliche Sicherheit, denn Ihr Kind hat vor dieser neuen Situation womöglich Angst und wird unter Umständen noch gehemmter sein. Größtmögliche Sicherheit durch größtmögliche Aufklärung!
Wurde die Diagnose Mutismus durch Psychologen, durch eine Kinder- und Jugendpsychiatrische Einrichtung oder durch den Kinderarzt gestellt, beginnt die Suche nach geeigneten Therapeuten. Der um Hilfe gebetene Therapeut sollte Ihnen (in einem Vorab-Gespräch ohne Kind) Auskunft darüber geben können:
-    Wie viele mutistische Kinder in welchem Zeitraum behandelt wurden.
-    Welche Erfolge in welchem Zeitraum erzielt wurden.
-    Wie häufig Elterngespräche geführt werden.
-    Ob mit dem Kindergarten/der Schule Kontakt aufgenommen wird.
-    Welcher therapeutische Ansatz in die Therapie einfließt.
-    Geschätzte Dauer der Therapie.

Anregungen für die Eltern:

-    Direkte Aufforderungen zu sprechen sollten unterlassen werden, auch Aufforderungen und Kommentare durch nahe Verwandte und Bekannte.
-    Versuche das Schweigen durch Drohungen über mögliche Folgen zu bekämpfen, führt oft in einen Teufelskreis.
-    In manchen Familien führt das Schweigen zu vermehrter Zuwendung, Beschützung und damit zu einer besonderen sozialen Stellung. Das Kind wird „verführt“ seine fehlende Sozialkompetenz zum eigenen Vorteil zu nutzen.
-    Eltern sollten dem Kind die Botschaft vermitteln, dass sie vom Schweigen wissen, aber an das Kind glauben und sicher sind, dass das Kind es überwinden wird.
-    Eltern können dem Kind Hilfsangebote unterbreiten „Was benötigst Du um „Hallo“, „Danke“ oder „Bitte“ zu sagen?“ „Was könnte Dir helfen?“
-    Kindern, deren mutistisches Verhalten schon etwas länger andauert, sollten Botschaften wie „Wir schaffen das. Wir holen Hilfe.“ vermittelt werden. Dies gibt dem Kind Sicherheit, dass es gesehen und verstanden wird.
-    Entlastende „Beschwichtigungen“ vor dem Kind wie „ist doch nicht so schlimm“ sollten dem Kind erspart werden. Es vergleicht sich mit anderen Kindern und ist bestens über sein Andersein informiert.
-    Wenn das Kind es erstmals schafft, mit einer Person zu sprechen, mit der es bisher nicht sprach, sollte dies als ganz normal betrachtet werden. Das Hervorheben des Sprechens durch ein Übermaß an Lob, birgt die Gefahr neuerlichen Schweigens.
-    Eltern sollten auf eventuelle Fragen wie z.B. „Wieso bin ich so?“ kindgerecht antworten. Die Antwort sollte dem Kind Zuversicht und das unbedingte Vertrauen in seine Selbstheilungskräfte vermitteln.
-    Es ist empfehlenswert, Freunde aus dem Kindergarten oder aus der Nachbarschaft einzuladen.
-    Händigen Sie dem Kindergarten/der Schule z.B. unsere Broschüre www.mutismus-therapie.de/broschuere/ aus. Falls dort kein Wissen über diese Verhaltensform besteht.

Ebenso wichtig ist es dem Kind zu erklären, dass es oft einfacher ist, sich verbal zu äußern, anstatt „nur“ nonverbal zu kommunizieren. Sprechen bringt zusätzliche Vorteile: wie klar sagen können was gewollt/nicht gewollt wird; die Anderen müssen dann weniger raten, was sie/er denkt, was sie/er haben möchte etc.

Anregungen für die Pädagogen im Kindergarten/in der Schule:

-    Reden soll kein Machtkampf werden, den sie unweigerlich verlieren würden. Auf Fragen der Kinder im Kindergarten sollte eingegangen werden. Häufig genügt den Kindergartenkindern der Hinweis „Er/Sie kann sprechen, spricht noch nicht, wird es aber tun.“
-    Die Pädagogen sollten das Kind immer wieder ermutigen, mit ihnen in Kontakt zu treten.
-    Die Pädagogen können sich über die besonderen Fähigkeiten und Interessen des Kindes informieren und es „dort abholen“, wo es steht.
-    Wenn ein mutistisches Kind erstmals spricht, erzeugt dies automatisch ein gewisses Staunen und lenkt erhöhte Aufmerksamkeit auf das vorher schweigende Kind. Es kann daher hilfreich sein, mit den Kindern zu sprechen, dass sie es als normal betrachten sollen, wenn das mutistische Kind plötzlich zu sprechen beginnt.
-    Es könnte auch ein Kennenlernen mit der zukünftigen Pädagogin vereinbart werden und das Kind dazu animiert werden, mit dieser in einer geschützten 1:1-Situation, von Beginn an zu sprechen. Eine weitere Möglichkeit wäre ein Schnuppertag im Kindergarten/in der Schule, um die neue Umgebung und Situation kennen zu lernen.

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Quellen:

  • Bahr, Reiner (2002): Wenn Kinder schweigen, Redehemmungen verstehen und behandeln. Ein Praxisbuch, Düsseldorf. Walter Verlag
  • Black, B. & Uhde T.W. (1992): Elective mutism as a variant of social phobia. Journal of the American Academy Child and Adolescent Psychiatry 31, 1090-1094,
  • Brack, U.B. & Metzner J. (1993). Elektiver Mutismus. Ein Fallbericht. Verhaltenstherapie 3, 131-136
  • Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (2007) Leitlinien für Diagnostik und Therapie Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie
  • Hartmann, B. (1997): Mutismus – Zur Theorie und Kasuistik des totalen und elektiven Mutismus. Berlin: Spiess
  • Nitza Katz-Bernstein (2005): Selektiver Mutismus bei Kindern
  • Papousek, M. (1996). Die intuitive elterliche Kompetenz in der vorsprachlichen Kommunikation als Ansatz zur Diagnostik von präverbalen Kommunikations- und Beziehungsstörungen.
  • Scheuerer-Englisch, H., Zimmermann, P. (1997). Vertrauensentwicklung in Kindheit und Jugend. Theorien und empirische Befunde
  • Steinhauser, H.-C., Wachter, M., Laimböck, K. & Winkler Metzke, C. (2006). A long-term outcome study of selective mutism in childhood. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 47, 751-756

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