Aphasie bei Kindern und Jugendlichen

Inhaltsverzeichnis:

I. Einführung in die Aphasiologie bei Kindern und Jugendlichen

1. Definition und Ätiologie (Verursachung)

2. Symptomatik

3. Verlauf, Prognose und Folgen

4. Diagnostik und Therapie

II. Hilfen für Kinder mit Aphasie

III. Tipps für betroffene Familien

IV. Ansprechpartner für betroffene Familien

V. Literaturempfehlungen

Einführung in die Aphasiologie bei Kindern und Jugendlichen

1. Definition und Ätiologie (Verursachung)

Aphasie bei Kindern und Jugendlichen ist eine erworbene Sprachbehinderung , die infolge einer Schädigung des Gehirns durch Schädelhirntrauma, Schlaganfall, Tumor oder entzündliche Erkrankungen (z.B. Hirnhautentzündungen) in unterschiedlicher Ausprägung auftreten kann. Das Schädel-Hirn-Trauma nach Unfällen gilt mit 80% als Hauptursache für Aphasie im Kindesalter. Kinder erleiden Schädel-Hirn-Traumata am häufigsten durch Unfälle im Straßenverkehr, Stürze bei Spiel und Sport oder auch als Folge körperlicher Gewalt. Kindliche Aphasien unterscheiden sich im Erscheinungsbild, und im Verlauf erheblich von den Aphasien bei Erwachsenen.
Erst postnatale (nachgeburtliche) Schäden können per Definition eine kindliche Aphasie hervorrufen. Ist die zentrale Sprachstörung vor oder während der Geburt verursacht, sind Kinder von Beginn an nicht in der Lage eine normale Sprachentwicklung zu durchlaufen. Man spricht in diesem Fall von einer Entwicklungsdysphasie. Davon ist die Aphasie abzugrenzen.
Einige Autoren unterscheiden nochmals kindliche Aphasien von Aphasien bei Jugendlichen, weil sich die Kinder meist noch mitten im Erstspracherwerb befinden, während Jugendliche diesen bereits abgeschlossen haben und somit den Erwachsenen mit Aphasie näher stehen. Da aber bei aphasischen Kindern und Jugendlichen das Familienleben und der Schulbesuch ähnliche lebensweltliche Rahmenbedingungen darstellen, werden beide Gruppen im Folgenden unter „kindliche Aphasie“ zusammenfassend betrachtet.

Bei kindlicher Aphasie handelt es sich um den Verlust einer schon erworbenen Sprachfähigkeit. Der Begriff der kindlichen Aphasie wird auch auf beeinträchtige Kinder angewendet, die die Sprachentwicklung noch nicht abgeschlossen haben. Allerdings muss in diesem Zusammenhang betont werden, dass es sich bei einer Aphasie um einen*Abbau oder Verlust vorhandener Sprachfunktionen* handeln muss. Darin zeigt sich ein wesentlicher Unterschied zu Sprachentwicklungsstörungen, da kindliche Aphasien nach bzw. während eines zunächst normal verlaufenden Spracherwerbs eintreten und die Folge eines klar umschriebenen Ereignisses sind. Jährlich erleiden in Deutschland etwa 3.000 Kinder und Jugendliche eine Aphasie. Allerdings geht man von einer weit höheren Betroffenenzahl aus, denn häufig handelt es sich bei den kindlichen Aphasien um ein nicht erkanntes bzw. wenig berücksichtigtes Phänomen.
Aphasie im Kindes- und Jugendalter bedeutet im geringsten Fall eine zeitliche Beeinträchtigung der Sprachentwicklung. Im schlimmsten Fall sind sprachliche Fähigkeiten und Fertigkeiten verschüttet. Sprache kann nur mit Mühe und nicht in der Qualität der Muttersprache erlernt werden und bleibt in der Entwicklung nachhaltig beeinträchtigt. Besonders der Bereich der Schriftsprache ist vielfach und anhaltend betroffen. Häufig sind die Schreib- und Lesefähigkeit weit mehr beeinträchtigt als die gesprochene Sprache.

Gerade im psychosozialen Bereich hat die Aphasie große Auswirkungen für das Kind und die Angehörigen. Die Sprache versagt ihren Dienst, Freunde ziehen sich zurück, das Kind wird aggressiv oder depressiv, Eltern und Angehörige sind hilflos. Die einzelnen Fälle von Aphasie bei Kindern und Jugendlichen unterscheiden sich jedoch untereinander sehr stark voneinander, weshalb einheitliche Aussagen über das Erscheinungsbild der Aphasie bei Kindern schwierig zu treffen sind.

Besonders bei der Beschulung resultieren daraus Hindernisse für aphasische Kinder und Jugendliche. Hinzu kommt, dass Aphasie bei Kindern und Jugendlichen bisher in keinem Schulkonzept verankert wurde.

2. Symptomatik

Die Betroffenen erleiden Beeinträchtigungen bei der Wortfindung und im Sprachverständnis. Fähigkeiten wie Sprechen, Verstehen, Schreiben und Lesen aber auch Gestik und Mimik können unterschiedlich stark berührt sein. Eine Intelligenzminderung liegt nicht vor.
Aufgrund der erworbenen Hirnschädigung sind neben der Aphasie häufig Begleitsymptome wie Halbseitenlähmungen anzutreffen. Auch Epilepsien und Dysphagien (Schluckstörungen) können auftreten. Ist das Frontalhirn mitbetroffen, kommt es nicht selten zu Konzentrations-, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen. Verhaltensauffälligkeiten, Aggressionen und in manchen Fällen auch Hyperaktivität werden besonders im schulischen Kontext beobachtet.

Öffnet internen Link im aktuellen FensterMutismus gehört nach der klassischen Vorstellung zu den Hauptsymptomen kindlicher Aphasie. Auf die mutistische Phase folgt häufig die sogenannte Phase der „hypospontaneity of speech“, eine Reduktion der Spontansprache. Diese hält gewöhnlich länger an als der Mutismus. Unter dieser Symptomatik fällt auch das fehlende Initiieren von Sprache. Dieses Phänomen wird eher selten bei erwachsenen Aphasiepatienten vorgefunden und gilt als charakteristisch für kindliche Aphasien. Häufiger ist es zudem bei noch jüngeren Kindern.

Man geht heute prinzipiell davon aus, dass alle Symptome, die bei Erwachsenen mit Aphasie auftreten, ebenso bei Kindern vorkommen können. Man kann beobachten, dass bei kindlicher Aphasie als erstes Sprachverständnisbeeinträchtigungen auftreten, gefolgt von Sprach- und Sprechbeeinträchtigungen der gesprochenen Sprache. Neuere Studien weisen allerdings auf die Schwierigkeit hin, Beeinträchtigungen des Sprachverständnisses von anderen Faktoren zu unterscheiden. So können Faktoren wie Aufmerksamkeit und Gedächtniskapazität ebenso eine Rolle spielen.
Nach Meinung einiger Autoren sind Störungen des Schriftspracherwerbs bei kindlichen Aphasien fast immer anzutreffen und auch stärker vorhanden als Störungen der gesprochenen Sprache. Insgesamt kann man festhalten, dass neuere Studien darauf hinweisen, dass es bei kindlichen Aphasien zu einer Vielzahl unterschiedlicher Lese- und Schreibstörungen kommen kann.

In einigen Fällen treten aphasische Kinder weniger in Kontakt, d.h. kommunizieren seltener als erwachsene Patienten. Dennoch zeigen sich die Kinder dialogbereit, wenn das mutistische Verhalten durchbrochen wird. Untersuchungen weisen bei den Kindern auf den Wunsch bzw. die Notwendigkeit nach Verbesserung der pragmatischen Fähigkeiten hin. Sie zeigen, dass auch Verhaltensauffälligkeiten verschwinden, sobald den betroffenen Kindern alternative Kommunikationssysteme angeboten werden.
Bei kindlichen Aphasien zählt die Dysarthrie (zentrale Sprechstörung) seit Beginn der Forschungen an zu einem häufig genannten (Begleit-)Symptom. Allerdings geht man im Zusammenhang mit kindlichen Aphasien von einer milden und vorübergehenden Form der Dysarthrie aus. Neben der Aphasie können weitere Störungen wie Hemiplegien (Halbseitenlähmungen), Epilepsien, Dysphagien (Schluckstörungen), Konzentrations-, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen auftreten. Weitere mögliche Symptome sind z.B. Impulsivität, Ängstlichkeit, ausgeprägte Selbstwertproblematik, visuelle und akustische Wahrnehmungsstörungen, Störungen in der Händigkeitsentwicklung, Störungen der Auge-Hand-Koordinationen, Störungen im Symbollernen, Körperschemastörungen, sowie eine schwach ausgeprägte Fähigkeit zur Generalisation bei allen Lernvorgängen.

3. Verlauf, Prognose und Folgen

In Bezug auf die Genesung und die sprachlichen Fähigkeiten von Aphasien bei Kindern gilt, dass Prognose und Verlauf im Einzelfall sehr variieren. Die Hauptfaktoren , die am häufigsten im Zusammenhang mit der Genesung genannt werden sind Art der Schädigung und Alter des Kindes zu Beginn der Beeinträchtigung. Trotz vieler Studien in diesem Bereich sind die langfristigen Entwicklungen von kindlichen Aphasien eher unklar.

Heute kann für die Prognose bei kindlichen Aphasien festgehalten werden, dass sie im Vergleich zu Aphasien bei Erwachsenen als nicht mehr so gut angesehen wird, wie in der traditionellen Ansicht angenommen wurde. Faktoren wie Alter und Geschlecht werden keine so tragende Rolle zugeschrieben, als vielmehr der Art der Verursachung. Dennoch zeigen neuere Studien, dass auch bei lange bestehenden bzw. chronischen Aphasien gerade bei Kindern Genesungserfolge noch möglich sind.
Ebenso wie bei Erwachsenen, die von Aphasie betroffen sind, bleiben auch Aphasien bei Kindern nicht ohne Folgen. Hier spielen neben den Beeinträchtigungen aufgrund der Krankheitssymptome gerade die psycho-sozialen Folgen eine bedeutende Rolle. Leider ist auch dieser Bereich innerhalb der kindlichen Aphasieforschung bisher eher vernachlässigt worden.

4. Interventionsmöglichkeiten bei kindlicher Aphasie: Diagnostik und Therapie

Von hoher Bedeutsamkeit für Aphasie-Betroffene und deren Angehörige ist der (klinische) Interventionsbereich. Wie in allen anderen Bereichen, steht die Erforschung der kindlichen Aphasie auch in diesen Aspekten weit hinter den Forschungen und Ansätzen zu Aphasie bei Erwachsenen zurück. Das macht es bis heute notwendig, dass sowohl bei der Diagnostik als auch der Therapie auf Verfahren zurückgegriffen werden muss, die entweder für erwachsene Aphasiker entwickelt oder in der Sprachentwicklungsdiagnostik und –therapie angewendet werden.

Diagnostik

Ziel der Diagnostik ist es, ein möglichst umfassendes Bild der sprachlichen Fähigkeiten eines Kindes zu bekommen um daran dann therapeutisch anknüpfen zu können. Dazu gehört unter anderem die Erfassung des sprachlichen Niveaus vor der Hirnschädigung. Zum einen ist dies notwendig um zwischen Sprachentwicklungsstörung und kindlicher Aphasie unterscheiden zu können, zum anderen erhält der Therapeut dadurch Hinweise auf Therapieplanung und deren Zielsetzung. Daneben kann so Aufschluss über Verlauf und Prognose gegeben werden. Allerdings muss man beachten, dass die aphasische Beeinträchtigung der Kinder und Jugendlichen zwar die wohl auffälligste Erscheinung darstellt, aber nicht die einzige. Denn durch den Hirnschaden erfährt die gesamte kindliche Persönlichkeit Beeinträchtigungen. Aus diesem Grund ist es notwendig, dass die Untersuchung darauf eingestellt ist, nicht nur die sprachlichen Auffälligkeiten zu ermitteln, sondern das Kind in seiner ganzen Persönlichkeit zu erfassen.
Notwendige Informationen über das sprachliche Niveau vor Störungsbeginn kann man durch Elterngespräche und –fragebögen, sowie z.B. durch Einsicht in Schulzeugnisse erhalten.

Ein weiteres Ziel der Diagnostik ist die Erfassung des Verlaufs. Befunde und Informationen von vorbehandelnden Einrichtungen und Fachleuten wie z.B. Rehakliniken, Schulen, Ärzten, Neurologen und Logopäden, sowie die Aussagen der Angehörigen ermöglichen eine gezieltere Diagnostik. Gerade auch bei der Diagnose von Restaphasien sind solche Informationen unerlässlich. Aus diesem Grund sollten Eltern den Informationsaustausch unter beteiligten Fachleuten, Reha- und schulischen Einrichtungen durch ihre Einverständniserklärung aktiv unterstützen.
Darüber hinaus ist die Erfassung der aktuellen Kommunikationsbedürfnisse eines Kindes ein wichtiges diagnostisches Ziel. Die Diagnostik anderer neuropsychologischer Fähigkeiten wie z.B. Aufmerksamkeit, Gedächtnis- und Wahrnehmungsfunktionen spielt ebenfalls eine Rolle.
Außerdem ist zu beachten, bei den betroffenen Kindern nicht nur beeinträchtigte Fähigkeiten und Leistungen zu erfassen, sondern vor allem auch jene, über die das Kind noch verfügt, denn die Rehabilitation sollte daran anknüpfen.

Therapie

Wesentliche Therapieaufgaben sind die Wiederherstellung jener sprachlichen Fähigkeiten, über die das Kind vor der Schädigung verfügte sowie das Erlernen neuer (sprachlicher) Fertigkeiten, so z.B. der schriftsprachlichen Fähigkeiten, da diese bei aphasischen Kindern in der Regel schwer erworben werden. Das besondere der Rehabilitation aphasischer Kinder besteht demnach in der Verknüpfung von Arbeitsweisen, die der Wiederherstellung und dem Erwerb sprachlicher Fähigkeiten unter individuell erschwertem Lernvorgang dienen.

Grob gilt das achte Lebensjahr als die Zeit, in der die Sprachentwicklung abgeschlossen ist. Dennoch sind in diesem Alter sprachbezogene Fähigkeiten wie Lesen und Schreiben noch recht frisch erworben und werden oftmals nicht sicher beherrscht. Der Erwerb weiterer sprachlicher Fähigkeiten wie z.B. Redewendungen etc. kann bis zu einem Alter von 12-14 Jahren andauern. Man geht davon aus, dass die kindliche Spracherwerbskapazität durch die kindliche Aphasie nicht beeinträchtigt wird. Demnach genügt es nicht, wenn einmal vorhandene Fähigkeiten wiedererlernt werden. Somit steht neben der Wiedergewinnung bereits vorhandener Fähigkeiten bei Kindern auch die Stimulierung der Fähigkeit zum Neu-Lernen im Zentrum der Rehabilitation. Diese beiden zentralen Aspekte sind bei der Therapie von Kindern mit Aphasie von großer Bedeutung und auf jeden Fall zu berücksichtigen.

Viele neurologische Rehaeinrichtungen bieten eigens auf Aphasie im Kindes- und Jugendalter spezialisierte Therapieprogramme an. Die Therapieeinheiten können dabei entweder in Einzel- oder in Gruppensitzungen erfolgen und werden meist stationär über mehrere Wochen durchgeführt.
Ist die stationäre Rehabilitation abgeschlossen und findet die ambulante Therapie durch Logopäden oder Sprachtherapeuten in Wohnortnähe statt, ist darauf zu achten, dass die Therapeuten über Erfahrungen mit der Therapie aphasischer Kinder und Jugendlicher verfügen. Da es sich bei diesem Störungsbild um ein relativ unbekanntes handelt, ist das nicht immer gewährleistet. Ist dies der Fall, sollten Eltern bei der Suche eines geeigneten Logopäden/Sprachtherapeuten darauf achten, dass die jeweiligen Therapeuten zumindest sowohl im Bereich der Therapie kindlicher Sprachentwicklungsstörungen als auch der Aphasietherapie mit Erwachsenen über einschlägige Erfahrungen verfügen.

II. Hilfen für Kinder mit Aphasie

Die BKK und die ZNS – Hannelore Kohl Stiftung haben die vielfältige Problematik erkannt und gemeinsam mit dem Bundesverband für die Rehabilitation der Aphasiker e. V. (BRA) Hilfestellungen für die betroffenen Kinder und deren Familien verwirklicht. Das Projekt „Hilfen für Kinder mit Aphasie“ in Kooperation mit der BKK wurde von der Bleib Gesund Stiftung im Rahmen der Oskar-Kuhn-Preisverleihung 2007 für seine vorbildliche Arbeit ausgezeichnet. Unter gleich Betroffenen zu sein bedeutet auch verstanden zu werden. Daher haben sich viele Familien den intensiven Austausch mit gleich betroffenen Familien gewünscht. Meistens fehlen auch handfeste Tipps für den Alltag. Rat und Hilfe bietet die Projektwebseite unter www.aphasiker-kinder.de. Öffentliche Foren, Echtzeitkommunikation, fundierte Informationen und Einblicke in die Situation anderer Familien sind jedermann zugänglich. Experten können ihre Facharbeiten veröffentlichen.

Viele Jahre ihres Lebens sind Kinder und Jugendliche von „Beruf“ Schüler. Unterricht und Informationstransfer sind schon in der Grundschule auf sprachliche Vermittlung angelegt. Welche Schwierigkeiten daraus für aphasische Kinder resultieren liegt dabei auf der Hand. Hinzu kommt, dass es auf Aphasie spezialisierte Schulen nicht gibt und die normale Regelschule zumeist überfordert ist. Auch in den bestehenden Förderschulbereichen lässt sich die Aphasie nur unzureichend einordnen. Aphasie ist weder Körperbehinderung, Lernbehinderung noch Verhaltensauffälligkeit. Daher widmet sich ein neues Projekt der ZNS – Hannelore Kohl Stiftung, das vom Bundesverband Aphasie e.V. durchgeführt und betreut wird, der „Beschulung aphasischer Kinder“. Dieses Projekt ist am 1. August 2007 gestartet.
Der Austausch mit betroffenen Familien zeigt, dass in Fragen nach einer geeigneten Schule Eltern heute mit ihren Problemen völlig allein da stehen. Es existieren keinerlei Erfahrungswerte oder spezialisierte Informationsstellen.
Ratlosigkeit herrscht häufig auch seitens der schulischen Vertreter. Aufgrund mangelnder Kenntnis aller Beteiligten sind Fehlbeschulungen eher die Regel als die Ausnahme. Hier Abhilfe zu schaffen, ist vorrangiges Ziel des Projekts. Es gilt dringend benötigte Informationsmaterialien für betroffene Familien und für Schulen zu erarbeiten. Die Problematik der Aphasie soll in der breiten Öffentlichkeit verstärkt thematisiert und die begonnene Vernetzung mit Fachleuten insbesondere zum Thema Beschulung vertieft werden. Auch erfolgt eine aktive Zusammenarbeit mit den Kultusministerien der Länder, um die schulische Situation aphasischer Kinder und Jugendlicher langfristig zu verbessern.

III.Tipps für betroffene Familien

Aphasie mit seinen vielfältigen Begleitsymptomen hat immer eine Veränderung des gesamten familiären Lebens zur Folge. Sehr wichtig für Sie als Eltern ist, dass sie Ihre Gefühle aufgrund der neuen, erschwerten Situation akzeptieren und nicht unterdrücken. Lassen Sie ruhig bei sich und Ihrem Kind auch mal negative Gefühle zu, denn dass Sie und Ihr Kind sich unter Druck gesetzt fühlen, endlich Fortschritte zu sehen, ist selbstverständlich. Angst und Aggression können bei Ihrem Kind, aber ebenso auch bei Ihnen auftreten. Es hilft, darüber zu reden. Genehmigen Sie sich eine Pause, und entspannen Sie sich . Sie bzw. die Familie ist der Angelpunkt, an dem sich Ihr Kind orientiert. Kinder spüren Veränderungen und Anspannungen, die sich dann auch negativ auf die Therapie auswirken können. Auch lassen Sie sich nicht zu schnell entmutigen , wenn die Aphasie lange bestehen bleibt oder immer wieder Fähigkeiten verloren gehen, die bereits wieder erworben wurden. Je nach Tagesform schwanken die Fähigkeiten bei aphasischen Kindern. Auch zeigt sich, dass bei entsprechender Förderung auch noch nach langer Zeit in der sog. chronischen Phase Verbesserungen möglich sind. Sie als Eltern können fördern, indem Sie spielerisches Handeln mit Ihrem Kind sprachlich begleiten. Auch wenn Ihr Kind selbst nicht viel spricht, sollten Sie möglichst viel mit ihm kommunizieren , aber eine Überanstrengung vermeiden.

Ganz wichtig ist auch, dass Sie sich und anderen klar machen, dass eine Sprachbehinderung wie Aphasie keine Denkstörung oder geistige Behinderung ist! Auch wenn sich Ihr Kind eventuell nicht altersgemäß sprachlich ausdrücken oder mitteilen kann, so heißt das nicht, dass es – vorausgesetzt es liegt keine Sprachverständnisstörung vor – nicht versteht, was Sie ihm sagen. Im Gegenteil: Intelligenz und Denken sind bei einer Aphasie nicht betroffen!

Bei der Beschulung, aber auch im Alltag sollten Sie darauf achten, dass sowohl Über- als auch Unterforderung zu Verhaltensauffälligkeiten bei Ihrem Kind führen kann. Lassen Sie sich durch das ungewohnte Verhalten Ihres Kindes nicht entmutigen und suchen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind und der Unterstützung von Fachleuten nach dem richtigen Förderlevel.
Es konnte gezeigt werden, dass bei Kindern die Verhaltensauffälligkeiten zurückgehen, wenn ihnen alternative Kommunikationswege möglich gemacht werden.

Außerdem sollten Sie zum Wohle Ihres Kindes nicht nach dem Prinzip „Regelschule um jeden Preis“ sondern „die bestmögliche Beschulung für mein Kind“ agieren. In manchen Fällen kann das auch eine Förderschule sein. Schulen für geistig behinderte Kinder und Jugendliche sind aber auf keinen Fall die richtigen Ansprechpartner. Wie bereits beschrieben, zeigt die Erfahrung, dass Schulen für körperlich beeinträchtigte Kinder die besten Ansprechpartner sind, vorausgesetzt die sprachliche Förderung kommt dabei nicht zu kurz. Die Schulentscheidung sollten Sie aber individuell mit der Unterstützung von Fachleuten entscheiden und an den Fähigkeiten Ihres Kindes orientieren.

IV. Ansprechpartner für betroffene Familien

Eltern, Schulen und Fachleute können sich bei allen Fragen und Anliegen rund um das Thema kindliche Aphasie sowie der Beschulung an den Bundesverband für die Rehabilitation der Aphasiker e.V., Würzburg, oder die ZNS – Hannelore Kohl Stiftung, Bonn, wenden. Gemeinsam wird es möglich, die individuell besten Wege zur Beschulung eines jeden Kindes ausfindig zu machen.

Dipl.-Päd. Melanie Kubandt, M.A.
Projektleiterin „Beschulung aphasischer Kinder“
Mail: Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-Mailkubandt@aphasiker.de

Bundesverband Aphasie e.V.
Wenzelstraße 19
97084 Würzburg
Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.aphasiker-kinder.de

Tel.: 0931/ 25 01 30-0
Fax: 0931/ 25 01 30-39

Carsten Freitag
Projektbetreuer, Information und Beratung
ZNS – Hannelore Kohl Stiftung
Rochusstraße 24
53123 Bonn

Tel.: 0228/ 97 84 50
Fax: 0228/ 97 84 555
Mail: Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-Mailc.freitag@hannelore-kohl-stiftung.de
Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.hannelore-kohl-stiftung.de

V. Literaturempfehlungen

  • Öffnet externen Link in neuem FensterForum ZNS: Hilfen für Kinder mit Aphasie . ZNS – Hannelore Kohl Stiftung. Forum ZNS, Ausgabe 2/2007, S.1f.
  • Mhplusdu. Das Info-Magazin Ihrer Krankenkasse: Sprachlos. Hilfen für Kinder mit Aphasie. 4/2007, S.16-18
  • Neuronal- das Journal für den Neurologischen Patienten: Modellprojekt „Beschulung aphasischer Kinder“. Ausgabe 3/2007, S.24-25
  • Loew, M./Böhringer, K.: Kindliche Aphasie. Beiträge zur neurologischen Rehabilitation von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Schriftenreihe Jugendwerk. Gailingen 2002
  • Rother, A.: Kindliche Aphasien. In: LOGOS Interdisziplinär 2/2005, S.90-92
  • Spencer, P.G.: Kindliche Aphasie – Hintergründe und Praxis. NOT 3/2006, S.24-26

Der vorliegende Text basiert auf einer ausführlichen Literaturliste zu Aphasie bei Kindern und Jugendlichen, die Sie neben weiteren Informationen auf der Homepage Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.aphasiker-kinder.de unter der Rubrik „Experten“ vorfinden.

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