Fetales Alkoholsyndrom / Alkoholembryopathie

Inhaltsverzeichnis:

Begriffsbestimmung

Unter Alkoholembryopathie (AE) oder fetalem Alkoholsyndrom (FAS ) versteht man eine Schädigung des Kindes, die durch übermäßigen, dauerhaften und krankhaften Alkoholgenuss der Mutter während der Schwangerschaft entstanden ist (in der Bevölkerung unter der negativ bewerteten Bezeichnung “Säuferkind” oder “Alkoholbaby” bekannt).

Da Alkohol alle Zellen und Organe schädigen kann, sind Kinder, die an Alkoholembryopathie leiden, in ihrer Gesamtheit betroffen. D.h. sie sind sowohl körperlich und geistig-intellektuell als auch in der Verhaltensentwicklung und in der sozialen Reifung beeinträchtigt. Die Ausprägungen der einzelnen Symptome sind allerdings sehr unterschiedlich.

Die Alkoholembryopathie ist von Alkoholeffekten zu unterscheiden, die durch gelegentliches Alkoholtrinken der Mutter während der Schwangerschaft verursacht werden. Gelegentlicher Alkoholgenuss kann zwar auch zu zerebralen Schäden führen, jedoch nicht zu dem körperlichen und geistigen Vollbild der Alkoholembryopathie.

Zahlen und Fakten (nach Löser, H.: Alkoholembryopathie und Alkoholeffekte, 1995)

  • Alkohol ist in Deutschland die Volksdroge Nummer eins.
  • Alkohol in der Schwangerschaft ist heutzutage der häufigste und bedeutsamste Schadstoff für die geistige und körperliche Entwicklung eines Kindes.
  • In der BRD gibt es schätzungsweise 2,5 Millionen Alkoholabhängige, von denen jeder dritte weiblich ist.
  • Mehr als 80% der Mütter trinken in der Schwangerschaft Alkohol, nur 6 % der Frauen bleiben vollständig abstinent.
  • In Deutschland erkranken jährlich ca. 2200 Neugeborene an Alkoholembryopathie. Die Inzidenz liegt dabei bei 1:300 Neugeborenen pro Jahr.
  • Durch die vermehrte Aufklärung und Vorsorgemaßnahmen hat sich die Schweregradigkeit zu leichteren Formen des Fetalen Alkoholsyndroms verschoben.

Medizinische Grundlagen

Ursache der Alkoholembryopathie ist immer eine Alkoholkrankheit der Mutter. Alkohol im Blut der Mutter gelangt in der Schwangerschaft ungehindert über den Mutterkuchen zum Embryo und wirkt dort direkt auf das ungeborene Kind ein, bei dem sich die gleiche Blutalkoholkonzentration einstellt wie bei der Mutter. Da der Alkohol giftig ist für alle Körperzellen, entwickeln sich Organe mangelhaft oder fehlerhaft. Alkoholismus der Mutter kann somit zu schweren, nicht wieder gutzumachenden Schäden beim Kind führen.

Die Alkoholembryopathie zeichnet sich durch ein variabel expressives Erscheinungsbild mit einem großen Spektrum an Fehlbildungen und Symptomen aus. Da die Alkoholkrankheit der Mutter ganz unterschiedlich ausgeprägt sein kann – leichter Alkoholmissbrauch bis hin zu schwerer Alkoholabhängigkeit – und da die schädigende Wirkung des Alkohols von vielen Umständen abhängt (Alter der Mutter, Menge und Art des Alkohols, Stoffwechsel der Mutter), gibt es verschiedene Formen und Schweregrade der Alkoholschädigung beim Kind. In der Medizin werden die Schweregrade nach Menge und Intensität der auftretenden Symptome (Tab. 1) unterschieden, wobei die Übergänge fließend sind: Schweregrad I (leichte Formen), Schweregrad II (mittelgradige Formen) und Schweregrad III (schwergradige Formen; alle oder fast alle aufgeführten Symptome treten auf Abb. 2).

Bild eines Mädchen mit Alkoholembryopathie

Abb. 2: 9-jähriges Mädchen mit schwerer Form der Alkoholembryopathie (Untergewicht, Minderwuchs, extreme Dystrophie, Muskelhypotonie, Bindegewebsschwäche, Herzbuckel bei Herzfehler, Skoliose, Mikrozephalie, schwere geistige Behinderung, hypoplastisches Mittelgesicht, fliehendes Kinn)

Klinische Symptomatik der Alkoholembryopathie:

  • pränataler Minderwuchs, Untergewicht
  • postnatale Wachstumsverzögerung
  • vermindertes Fettgewebe
  • Microcephalie (Kleinköpfigkeit)
  • verkürzter Nasenrücken
  • schmales Lippenrot, dünne Lippen
  • Zahnanomalien
  • veränderte Stellung der Ohren
  • Augenfehlbildungen
  • Genitalfehlbildungen
  • Nierenfehlbildungen
  • Herzfehler
  • Entzugserscheinungen
  • Skelettfehlbildungen
  • geistige Entwicklungsverzögerung
  • Sprachstörungen
  • Lernstörungen
  • Hyperaktivität
  • Distanzlosigkeit, Vertrauensseligkeit
  • erhöhte Risikobereitschaft, Waghalsigkeit
  • Autismus
  • Aggressivität, dissoziales Verhalten
  • emotionale Instabilität

Die Diagnose der Alkoholembryopathie gründet grundsätzlich auf zwei Säulen: auf der Vorgeschichte der Mutter und auf der Untersuchung des Kindes nach typischen körperlichen, geistigen und verhaltensbezogenen Merkmalen. Nur wenn Ergebnisse aus beiden Bereichen vorliegen, kann die Diagnose einer Alkoholembryopathie eindeutig gesichert werden. Da die Alkoholvorgeschichte der Mutter jedoch aufgrund gesellschaftlicher Verpöntheit häufig verschwiegen wird, kann gerade bei leichteren Formen der Alkoholembryopathie oft nur der Verdacht einer Alkoholembryopathie geäußert werden.

Langzeituntersuchungen und Entwicklungen

Die Entwicklung der Kinder mit Alkoholembryopathie wird von mehreren Faktoren bestimmt: vom Ausmaß der toxischen Schädigung, von begleitenden Fehlbildungen, von sozialen Umfeldbedingungen und von erblichen Faktoren. Dennoch lassen sich aufgrund von Langzeituntersuchungen gewisse charakteristische Besonderheiten von Kindern, die an dem Fetalen Alkoholsyndrom leiden, im Schul- und Jugendalter sowie im Erwachsenenalter erkennen.

Die äußerlichen Auffälligkeiten und Fehlbildungen – insbesondere die Gesichtsauffälligkeiten – sind mit zunehmendem Alter weniger ausgeprägt. So werden auch niedrige Körpergröße und – gewicht mit zunehmendem Alter leicht ausgeglichen. Rückstände in der geistigen und sozialen Entwicklung sowie Verhaltensauffälligkeiten bleiben jedoch erhalten. Untersuchungen haben herausgefunden, dass bei Menschen mit Alkoholembryopathie aufgrund ihrer Hirnfunktionsstörungen gehäuft eine Beeinträchtigung der schulischen Entwicklung auftritt. Sie besuchen überwiegend Haupt- oder Sonderschulen oder es ist keine Form der Schulbildung möglich (Tab.2). Zudem fallen sie durch Verhaltensprobleme auf, die bis ins dissoziale Verhalten führen.

 Tab. 2: Geistige Entwicklung/Schulbesuch (n = 51)

Intelligenz Prozent
gut – befriedigend 14 (28%)
ausreichend 16 (31 %)
ungenügend/ mangelhaft              >. 21 (41 %)
Gesamt 51 (100 %)

 

Schulbesuch (zuletzt) Prozent
Hauptschule 18 (35%)
Hauptschule ohne Abschluss 3
Sonderschule 28 (55%)
Sonderschule für Lernbehinderte 13 (25%)
Sonderschule für geistig Behinderte 15 (30%)
Sonderschule für Hörbehinderte 1
Sonderschule für Sehbehinderte 2
Sonderschule für Sprachbehinderte 1
Sonderschule für Erziehungshilfe 1
keine Beschulung 3 (6%)
Realschule 2 (4%)
Gymnasium/Oberschule 0 (0%)
Gesamt 51 (100%)

 

Bei Erwachsenen, von Alkoholembryopathie Betroffenen, zeigen sich weiterhin oft Rückstände in der geistigen und sozialen Entwicklung. Die meisten sind nicht in der Lage ein selbständiges Leben zu führen. Sie benötigen individuelle Unterstützung im Alltag und sind nur selten in der Lage einen Beruf auszuüben. Sie leben oft in sozialer Isolation.

Hilfs- und Fördermaßnahmen

Da sich Alkohol toxisch und irreversibel auf alle Zellen auswirkt, ist eine Therapie im Sinne einer Heilung nicht möglich. Körperliche Organfehlbildungen lassen sich operativ korrigieren, Hirnfunktionsstörungen erfordern aufgrund ihrer Komplexität das Ausprobieren vieler Behandlungsmethoden und Verhaltensstörungen (besonders Hyperaktivität) machen pädagogische, verhaltenstherapeutische und zumeist auch medikamentöse (v.a. Ritalin) Maßnahmen notwendig.

Kinder, die von Alkoholembryopathie betroffen sind, bergen in sich ein erhöhtes Risiko, selbst eine Sucht zu entwickeln (intrauterine Gewöhnung an den Suchtstoff, genetische Faktoren in Bezug auf Alkoholabbau u. -verträglichkeit, Umfeldfaktoren, psychopathologische Voraussetzungen). Dieses Tatsache macht die Notwendigkeit einer möglichst frühen Hilfe und Förderung der Kinder deutlich. Um einer Alkoholkrankheit der Kinder vorzubeugen, sind Erziehungsmaßnahmen erforderlich. Z.B: Das Kind muss vor Lebensmitteln, die Alkohol enthalten, ferngehalten werden. Andererseits soll das Kind Selbstvertrauen und Verhaltenskompetenz entwickeln, selbst Versuchungen durch Alkohol zu widerstehen. Dem Kind muss die Gefahr des Alkohols verdeutlicht werden. Die Eltern fungieren als Vorbild für das Kind. Sie müssen den Kindern vorleben, dass auch ein Leben ohne Alkohol lebenswert ist

Da mit fortschreitender Alkoholkrankheit der Mutter die nachgeborenen Kinder fast immer schwerer betroffen sind als die Erstgeborenen, ist es wichtig, weiteren Kindern schon präventiv das schwere Schicksal einer Alkoholembryopathie zu ersparen. Es ist notwendig, dass ärztliche Vorsorgemaßnahmen ergriffen werden und den Müttern die ganze Tragweite der Alkoholschäden vor Augen geführt wird. Kein Blutalkoholspiegel hat sich nach bisherigen wissenschaftlichen Untersuchungen als für den Embryo unbedenklich erwiesen. Das heißt, eine schwangere Frau sollte völlig alkoholfrei leben!

Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass Alkoholembryopathie nicht einfach ein frauenspezifisches Problem ist, sondern auch ein Problem der Gesellschaft, in das auch die Männer miteinbezogen sind. So haben Forschungen herausgefunden, dass väterlicher Alkoholkonsum zwar nicht direkt auf den Fetus einwirkt, jedoch die Qualität der Samen beeinträchtigt und somit Entwicklungschancen des Kindes beeinflusst. Mögliche folgen sind gestörte kognitive Fähigkeiten und Hyperaktivität.

Information und Hilfe

Die weltweite Online-Selbsthilfegruppe FASworld (Abb.1) steht Eltern und Pflegeeltern bei Fragen rund um das Thema “Fetales Alkoholsyndrom” zur Verfügung. FASworld gibt Information, Beratung und Hilfe, verweist auf weitere themenspezifische Links und Literatur, zeigt Erfahrungsberichte auf und bietet zudem Disskussionsforen an. Die deutschsprachige Homepage erreichen Sie unter der Internetadresse: Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.fasworld.eu

Weiterführende Literatur:

  • Löser, Hermann: Alkoholembryopathie und Alkoholeffekte, Stuttgart 1995
  • Deutsche Hauptstelle für Suchtgefahren: Alkohol schadet Babys, Hamm 1996
  • Neumann, Gabi: Schulentwicklung und schulische Leistungen bei 98 Kindern mit Alkoholembryopathie und Alkoholeffekten, Münster 1996
  • Rustemeyer, Hermann: Die mentale und körperliche Entwicklung bei Kindern mit Alkoholembryopathie, Münster 1992

 

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