Orientierungshilfen für die Behindertenseelsorge

Inhaltsverzeichnis:

  1. Theologisch-spirituelle Grundlegung
  2. Herausforderungen

    1. Gesellschaftliche Herausforderungen
    2. Menschlich-familiäre Herausforderungen
    3. Kirchlich-gemeindliche Herausforderungen

  3. Folgerungen für die Behindertenseelsorge in der Diözese Würzburg
  4. Ausblick

Orientierungshilfen für die Behindertenseelsorge in der Diözese Würzburg

1. Theologisch-spirituelle Grundlegung

Unser Glaube an einen zärtlich sich zuwendenden Gott (Gott ist die Liebe, 1 Joh 4, 7-11) zeigt sich in der konkreten Zuwendung Jesu zu den Menschen (Die deutschen Bischöfe (DBK) 70: unbehindert Leben und Glauben teilen, Bonn 2003, Seite 14 f.). In ganz besonderer Weise wendet sich Jesus Menschen mit Behinderungen zu, holt sie aus ihrem Ausgegrenzt-Sein und stellt sie in die Mitte (Mk 3,1-6). So unterstreicht er deren Einzigartigartigkeit und die Würde jedes Menschen (Jes 43, 1), der uneingeschränkt von seinem Schöpfer geliebt ist.

Jesus identifiziert sich so sehr mit Notleidenden und Ausgegrenzten, dass er sagt: “Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan” (Mt 25,.40). So begegnet uns im Antlitz jedes Not leidenden und ausgegrenzten Menschen Christus selbst.
Papst Johannes Paul II bezeichnet daher Menschen mit Behinderung als “besondere Zeugen der Nähe Gottes”(DBK 70, Seite 18.).

Für uns als Christinnen und Christen ergibt sich daraus eine Haltung der Achtsamkeit und Offenheit für die ZuMUTung, aber auch den Reichtum dieser Menschen.

Menschen mit Behinderungen gehören selbstverständlich zum Volk Gottes.
Sie ermutigen uns, unsere eigenen Behinderungen wahr- und anzunehmen. Sie lehren uns, dass Erfahrungen von Möglichkeiten und Grenzen menschliche Grunderfahrung ist.

Seelsorgliches Engagement für (vgl. Augustinus: “Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ!”) Menschen mit Behinderungen und ihren Familien lässt erfahren, dass Gott der “Ich-bin-da” ist. Gottes Gegenwart unter uns aufscheinen zu lassen, ist der tiefste Sinn pastoralen Tuns.

Seelsorge für/an Menschen mit Behinderungen geschieht “um der Menschen Willen” (Siehe Leitbild der Hauptabteilung II – Seelsorge) in der Nachfolge Jesu.
Behindertenseelsorge ist deshalb die glaubwürdige und notwendige Konsequenz aus dem Einsatz der Katholischen Kirche für ungeborenes menschliches Leben.

2. Herausforderungen

2. 1. Gesellschaftliche Herausforderungen

In der medizinischen Forschung setzt sich zusehends ein Paradigmenwechsel durch: Nicht Gott schafft den Menschen, sondern der Mensch schafft sich selbst. Daraus erwächst eine Bedrohung des Rechts auf Leben für Menschen mit Behinderungen.
Die Diskussion um Biotechnologien wie Klonen, Präimplantationsdiagnostik und Embryonenforschung verstärkt diese Tendenz. Dadurch droht alles, was nicht dem gängigen Bild vom perfekten Menschen entspricht, zunächst kontrolliert und dann “aussortiert” zu werden. Die Situation verschärft sich auch angesichts knapper werdender finanzieller Ressourcen. Hierdurch geraten Eltern von Kindern mit Behinderungen immer häufiger unter Rechtfertigungsdruck. Sie werden für die Geburt ihres Kindes verantwortlich gemacht und sollen deshalb die “Folgekosten” nicht der Gemeinschaft “zumuten”, sondern selbst tragen. Zusätzlicher Druck entsteht durch die Änderung des § 218 StGB bezüglich der Spätabtreibung, in Folge dessen es für werdende Eltern immer schwieriger wird, sich zur Geburt eines eventuell behinderten Kindes durchzuringen.
In all dem zeigt sich ein Wertewandel in der Gesellschaft: Behindertes Leben wird als nicht zumutbar, als vermeidbares Risiko und als “finanzieller Schadensfall” angesehen. Damit wächst die Gefahr, Menschen mit Behinderung als Ballast zu empfinden. Angesichts enger werdender finanzieller und damit auch personeller Ressourcen erhöhen sich die Belastungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen (Burn-Out-Syndrom). Eine Unterstützung und Begleitung dieser Menschen ist dringend erforderlich.

2.2. Menschlich-familiäre Herausforderungen

Behinderung trifft Betroffene und Angehörige unvorbereitet und wird als existenzielle Krise und Bedrohung erlebt. Eltern müssen Abschied nehmen von ihrem Wunsch nach einem gesunden Kind und lernen, das Kind, so wie es ist, anzunehmen. Viele Paare und Familien sind in dieser Situation überfordert. Die Behinderung wird häufig tabuisiert. Die Familie droht in die Isolation zu geraten.
Ein deutliches Indiz für diese Überforderungssymptome zeigt sich in dem hohen Anteil an zerbrochenen Beziehungen bei von Behinderung betroffenen Ehepartnern.Die Situation der Geschwisterkinder ist ebenfalls häufig problematisch, da sich die Aufmerksamkeit und Energie der Eltern stark auf das Kind mit der Behinderung konzentriert, so dass Geschwisterkinder nicht selten mit Verhaltensauffälligkeiten reagieren.
Viele betroffene Familien suchen Unterstützung gerade für die Verarbeitung der Behinderung. Eine fachkundige Begleitung zur Bewältigung wird vielfach vermisst.
Diese Familien entwickeln jedoch hohe soziale und menschliche Kompetenzen, wenn sie Unterstützung und Begleitung erfahren und so die Situation für sich annehmen lernen.

2.3. Kirchlich-gemeindliche Herausforderungen

Familien mit einem behinderten Kind sind so kirchennah bzw. kirchenfern wie andere Familien auch. Aber meist wünschen sie besonders von Seiten der Kirche eine stärkere Solidarität für ihre Situation. Häufig fühlen sie sich jedoch gerade von ihrer Kirchengemeinde und den hauptberuflichen Seelsorgerinnen und Seelsorgern übersehen. Sie erleben, dass die Behinderung eines Familienmitgliedes auch in der Gemeinde tabuisiert ist.
Viele Elternpaare thematisieren in diesem Zusammenhang eine erlebte Diskrepanz zwischen der Botschaft des Evangeliums (siehe 1. Theologisch-spirituelle Grundlegung), dem verbalen Engagement der Kirche für das ungeborene behinderte Leben und der fehlenden Unterstützung innerhalb der Gemeinde. So werden z.B. Kinder, die Förderschulen außerhalb der Gemeinde besuchen, bei der Einladung zur anstehenden Sakramentenkatechese oft übersehen und manchmal sogar ausgegrenzt.
Viele Familien mit einem behinderten Kind scheuen die Teilnahme an den Gemeindegottesdiensten, da sie die Erfahrung gemacht haben, infolge des Verhaltens ihres Kindes negativ aufzufallen. Sie haben den Eindruck zu “stören”.
Viele Seelsorgerinnen und Seelsorger in den Gemeinden fühlen sich überfordert, im Umgang mit Menschen, die von Behinderungen betroffen sind. Sie beklagen die fehlenden zeitlichen Ressourcen und die mangelnde fachliche Kompetenz, besonders Menschen mit geistiger Behinderung und Mehrfachbehinderungen adäquat zu begleiten bzw. sie auf die Sakramente vorzubereiten und in das Gemeindeleben zu integrieren.
Aus unterschiedlichen Gründen gelingt es in vielen Fällen nicht, dass Einrichtungen der Behindertenhilfe in ihren Territorialgemeinden Anschluss finden.

Die ideelle kirchliche Solidarität mit Menschen mit Behinderungen ist sehr hoch. Jedoch von einem tatsächlichen, selbstverständlichen Dazugehören von Menschen mit Behinderungen, ihren Familien und Betreuungseinrichtungen zu ihren Gemeinden vor Ort sind wir noch weit entfernt.
Dort wo betroffene Familien gemeinsame Gottesdienste, Erstkommunionfeiern, Ministrantendienste, Nachbarschaftshilfe, ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Nöte und damit auch Bestätigung für ihr bereicherndes “Dabei-Sein” erleben, gelingt echte Integration – der wirksamste Schutz für Menschen mit Behinderungen.
Hier liegt eine Herausforderung für Seelsorgerinnen und Seelsorger, neue Wege zu gehen und diese Gemeinsamkeit zu ermöglichen. Viele Eltern mit einem behinderten Kind erhoffen sich Unterstützung bei ihrem Bemühen, ihren Platz in der Gemeinde zu finden.

3. Folgerungen für die Behindertenseelsorge in der Diözese Würzburg

Die zentrale Grundentscheidung der Diözese Würzburg: “Der Mensch in Not hat Vorrang!”(Bischöfliches Ordinariat Würzburg: “Leitlinien und Perspektiven der Seelsorge in der Kirche von Würzburg”, 1. Auflage, Juni 2003, Leitlinie 4, Seite 11) gilt gerade auch für Menschen mit Behinderungen, für ihre Familien und Betreuungseinrichtungen.
Behindertenseelsorge versteht sich deshalb als Anwalt für die betroffenen Menschen und ist Sprachrohr in Kirche und Gesellschaft für jene, die ihre Anliegen nicht selbst ausdrücken können. Gleichzeitig ermutigt sie Menschen mit Behinderungen in weitgehendster Selbstbestimmung ihre Anliegen zu vertreten.

Die Konfrontation mit Behinderung wird als schwere existentielle Krise erfahren und führt für alle Betroffenen zu einer Lebenswende schlechthin (Bischöfliches Ordinariat Würzburg: “Leitlinien und Perspektiven der Seelsorge in der Kirche von Würzburg”, 1. Auflage, Juni 2003 , Leitlinie 2, Seite 9).
Die persönliche Begleitung dieser Menschen und ihrer Familien ist deshalb vorrangige Aufgabe gemeindlicher und kategorialer Behindertenseelsorge. Dabei ist es notwendig, auf die Betroffenen zu zugehen, sie in ihrer besonderen Situation wahrzunehmen und Begleitung anzubieten.

Berührungspunkte ergeben sich vor allem im Rahmen der Sakramentenkatechese. Gerade hier ist eine sensible, kompetente und entsprechende Gestaltung der liturgischen Feiern hilfreich, die die besondere Situation der Menschen aufgreift und Glaube als Hilfe zum Leben anbietet.

Seelsorge für Menschen mit Behinderungen orientiert sich an den unterschiedlichen Lebensorten und Situationen der betroffenen Menschen. Behindertenseelsorge ist deshalb notwendigerweise sowohl Gemeindeseelsorge als auch kategoriale Seelsorge in den Einrichtungen und Schulen (Siehe Leitbild der Hauptabteilung II – Seelsorge, 3. Aufgaben).

Die besondere Seelsorge (Kategorialseelsorge) für Menschen mit Behinderungen versteht sich als unterstützend und ergänzend zur Gemeindeseelsorge (Siehe Leitbild der Hauptabteilung II – Seelsorge, 2. Unser Auftrag).

Die Seelsorge für Menschen mit Behinderungen vernetzt sich mit anderen Partnern der Behindertenhilfe und hilft mit, dass menschenwürdiges Leben gelingen kann.
Die Begleitung von Menschen mit Behinderung, ihrer Familien und der sie betreuenden Menschen erfordert fachliche und seelsorgliche Kompetenzen. Sie sollte über Standards für eine gezielte, fachspezifische Aus- und Weiterbildung, unter anderem auch in den Bereichen Medizin, Psychologie, Recht und Sozialarbeit erreicht werden (In den “Leitlinien und Perspektiven der Seelsorge in der Kirche von Würzburg” bekennt sich die Diözese zur Förderung, Qualifizierung, und Begleitung des hauptamtlichen und ehrenamtlichen Personals).

Auch in der Aus- und Weiterbildung der pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Diözese Würzburg ist die Situation der Betroffenen zu thematisieren, um ein Bewusstsein für die besonderen Nöte und Sorgen, aber auch Hoffnungen und Freuden (Rahner, Karl u. Vorgrimler, Herbert: Kleines Konzilskompendium, Herder 1984,Gaudium et Spes 1, S.449) zu schaffen.

4. Ausblick

Ziel muss es sein, in der Gemeindepastoral die Leitlinie “Der Mensch in Not hat Vorrang” (Leitlinien und Perspektiven der Seelsorge in der Kirche von Würzburg, Seite 11) bewusst zu machen. Hauptberufliche Seelsorgerinnen und Seelsorger in Gemeinden sind grundsätzlich auch für Menschen mit Behinderungen seelsorglich verantwortlich.
In großen Pfarreiengemeinschaften oder Seelsorgeeinheiten muss ein/e hauptberufliche/r Seelsorger/in einen Dienstauftrag für diesen Bereich erhalten.

Die wichtigste Voraussetzung zum Gelingen der Seelsorge für Menschen mit Behinderungen ist die fachgerechte Qualifizierung der Seelsorgerinnen und Seelsorger. Der Auftrag allein genügt nicht. Dafür sind verlässliche personelle und sachliche Ressourcen erforderlich (Näheres ist mit der Diözesanleitung zu vereinbaren).

Die Diözese Würzburg räumt deshalb der Seelsorge mit Menschen mit Behinderungen einen festen, institutionalisierten Platz im Gesamtkonzept der diözesanen Seelsorge ein. Denn, um die von den Deutschen Bischöfen zugesicherte “geistliche Orientierung” und “seelsorgliche Begleitung” zu gewährleisten (DBK, Seite 22), ist die Behindertenseelsorge notwendig. Zudem nimmt in ihr die besondere Verbundenheit der Kirche von Würzburg mit den betroffenen Menschen Gestalt an.

Würzburg, 04.10.2005

Hans Herderich, Domkapitular
Leiter der Hauptabteilung II – Seelsorge
des Bischöflichen Ordinariates Würzburg

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