Grundlagen

Unterstützte Kommunikation bietet ein breites Spektrum an Möglichkeiten, um nichtsprechenden Menschen mehr Kommunikationschancen zu eröffnen. In den letzten Jahren hat sich ein früher Einsatz von unterstützter Kommunikation immer häufiger bewährt. Der Einsatz von unterstützter Kommunikation im Kleinkindalter bietet die Chance den Lautspracherwerb zu unterstützten und verhindert gleichzeitig die negativen Folgen fehlender Kommunikation. Denn bereits im Kleinkindalter können sich fehlende Kommunikationsmittel negativ auf die Gesamtentwicklung eines Kindes auswirken.

Welche Entwicklungsschritte sind nötig, um Sprache zu erwerben?

Kane beschreibt in Anlehnung an Bruner und Papousek, dass Kinder schon ab der Geburt mit ihren Eltern und anderen Bezugspersonen kommunizieren. Diese nonverbale Kommunikation stellt eine wichtige Voraussetzung für das Erlernen von Sprache bzw. symbolischer Kommunikation dar.

Ungezielte Äußerungen (bis 5. Monat)
Schon ab der Geburt übernehmen der Säugling und die Eltern eine aktive Rolle in der Kommunikation. Ein Säugling sendet über Mimik, Gestik und Laute unbewusst Signale aus. Die Eltern reagieren intuitiv auf diese Vielzahl von Verhaltensweisen, als ob das Kind eine Mitteilung machen würde. Eltern erkennen beispielsweise, wann ihr Kind hungrig oder müde ist, lange bevor sich das Kind selbst seiner Bedürfnisse bewusst ist. Durch dieses abwechselnde Zusammenspiel von Aktivitäten und Reaktionen zwischen Kind und Bezugsperson erfährt das Kind allmählich, dass es einen Zusammenhang zwischen seinem Verhalten und den Reaktionen aus der Umwelt gibt.

Gezieltes Verhalten (ab ca. 5. Monat)
Mit etwa fünf Monaten hat ein Kind gelernt, dass es mit seinem Verhalten die Umwelt beeinflussen kann und beginnt gezielt in seiner Umwelt aktiv zu werden. Es beginnt nach Dingen zu greifen, die es haben möchte oder es schreit, um einen Erwachsenen herbeizuholen. Seine Aufmerksamkeit ist dabei immer in eine Richtung gerichtet, also auf den Gegenstand oder die Person, die es erreichen will. Dem Kind ist es dabei noch nicht möglich, seine Aufmerksamkeit zwischen Dingen und Personen zu teilen. Wenn es also nach einem Gegenstand greift, so ist das keine Aufforderung an eine Person, ihn den Gegenstand zu geben, sondern der alleinige Versuch, das Objekt selbst zu erreichen. Eltern deuten diese Greifversuche von Kindern als eine Aufforderung zur Hilfe. Dadurch erlebt das Kind, dass seine Handlungen auch Botschaften sein können. Allmählich lernt es, seine Aufmerksamkeit gleichzeitig auf Gegenstand und Partner zu beziehen. Dieser Schritt ist wichtige Voraussetzung, um Kommunikation gezielt einsetzen zu können.

Gezielte Partnerkommunikation (ab ca. 8.-9. Monat)
In dieser Entwicklungsphase beginnt das Kind mit seinem Partner über verschiedene Dinge zu kommunizieren. Von Bruner wird dies als entscheidender Schritt zur eigentlichen Kommunikation gesehen. Das Kind verfügt über die Fähigkeit, seiner Bezugsperson seine Wünsche mitzuteilen und diese einzufordern. Greift ein Kind zum Beispiel nach einem Ball, kann ihn aber nicht erreichen, geht sein Blick auffordernd zur Mutter und anschließend wieder zurück zum Ball. Seinen Arm streckt es dabei weiterhin dem Ball zu, ohne jedoch die Absicht zu haben, ihn tatsächlich zu erreichen. Das Kind unterstützt diese Kommunikation durch Laute oder Bewegungen. In dieser Zeit verwenden Eltern eine sehr einfache Sprache, die durch Überbetonung mancher Silben gekennzeichnet ist. Außerdem benutzen sie zur Verdeutlichung der Sprache viele Gesten, die Kinder in diesem Alter auch sehr gerne nachahmen.

Konventionelle Kommunikation (ab ca. 10.-11. Monat)
Die Mitteilungen des Kindes ändern sich in ihrer Funktion. Sie dienen nun nicht mehr der direkten Zielerreichung (Greifen), sondern erhalten nur noch eine Signalfunktion (Zeigen). Das Zeigen als häufigste Geste fungiert als Verdeutlichung von Wünschen und als Hinweis auf etwas Interessantes. Kommunikation in dieser Phase ist geprägt von der Verwendung vielfältiger konventioneller Gesten, die von den Eltern entweder gezielt eingeübt werden, wie beispielsweise Winke-Winke zum Abschied oder die Bitte-Bitte – Handbewegung, oder aber von den Kindern spontan durch Nachahmung erlernt werden, wie das Kopfschütteln als Zeichen der Ablehnung. Auch die lautsprachliche Entwicklung ist in dieser Zeit sehr durch die Nachahmung der elterlichen Laute gekennzeichnet. Sprachmelodien und Klangmuster werden imitiert und lassen Mitteilungen verständlicher werden. Die Verbindung von Gesten und Lauten wird von den Eltern durch geduldige Benennspiele intuitiv unterstützt.

Symbolische Kommunikation (ab ca. 13.-15. Monat)
Die ersten Wörter die Kinder benutzen werden meist noch nicht als Symbol bzw. als Stellvertreter von Dingen gesehen. Konventionelle Silben werden erst in einem fließenden Übergang zu Symbolen. Zunächst steht “Mama” noch als Wunschausdruck für z.B. Hilfe, später erst erhält es die Bedeutung einer Benennung, oft erst noch für alle Frauen, später nur für die eigene Mutter. Erst mit der Zeit lösen sich Gegenstand und Wort voneinander, sodass das Wort als Symbol steht.

Gesten sind in dieser Phase noch sehr wichtig, da sie leichter verfügbar sind als Worte. Sie differenzieren sich parallel zur Sprache weiter aus. Erst ab ca. 20 Monaten nimmt die verbale Kommunikation einen höheren Stellenwert ein (vgl. Kane 1992, 303-319). Bis zum 18. Lebensmonat erreichen Kinder einen ungefähren Wortschatz von 50 Wörtern. Danach lernen sie Wörter sehr viel schneller als vorher. Mit durchschnittlich 9 neu gelernten Wörtern pro Tag erweitert sich ihr Wortschatz innerhalb weniger Wochen auf mehr als 200. Oftmals kommt es in dieser Phase zu einen scheinbaren Rückschritt in der Artikulation bei den Kindern. Silbenwiederholungen, Auslassung von Konsonanten oder betonter Silben verunsichern viele Eltern. Normalerweise ist dieser Rückschritt jedoch als Fortschritt im entstehenden phonologisch-lexikalischen System zu interpretieren, in das Kinder ihre Wörter einzufügen versuchen (vgl. Menzel 1999, 34).

Wichtig zu beachten ist, dass ein Kind nicht eine Entwicklungsstufe abschließt um zur nächsten zu gelangen. Die Verhaltensweisen einer neuen Stufe erweitern nur das bisher zur Verfügung stehende Repertoire an Kommunikationsmitteln, ersetzen die vorherigen aber nicht. Es werden also weiterhin Kommunikationsmittel aus vorherigen Stufen mit denen der neueren Niveaus gemischt. Das typische Kommunikationsniveau eines Kindes zeigt sich nicht durch die höchste erreichte Stufe aus, wenn diese nur selten gebraucht wird, sondern vielmehr durch jene Verhaltensweisen, die das Kind sehr häufig benutzt (vgl. Kane 2002,16-18).

Wie können Eltern den Spracherwerb schon im Kleinkindalter fördern?

  • Um Sprache zu entwickeln, brauchen Kinder die Erfahrung, dass sie auf ihre Umwelt einwirken können. Auch wenn es innerhalb des oft aufwendigen Pflegealltags häufig schwierig ist, sollten Eltern darauf achten, ihrem Kind Möglichkeiten zu geben, in denen sie ihre Erfahrungen selbst mitbestimmen können, indem man ihnen Auswahlmöglichkeiten gibt oder auf Äußerungen des Kindes achtet, die vielleicht einen Wunsch anzeigen können oder die Beendigung einer bestimmten Situation fordert.
  • Wichtig ist, Kindern immer eindeutige Rückmeldungen auf ihr Handeln und ihre Äußerungen zu geben, damit ihnen die Wirkung ihrer eigenen Handlung bewusst wird. Zum Beispiel: “Ich drücke auf eine Taste – und Musik geht an”; “Ich sitze in der Schaukel und schaue meine Erzieherin an – ich werde angeschubst”; “Ich strecke meine Arme aus – ich darf auf den Arm”
  • Kommunikation und Sprache braucht Motivation. Eltern sollten dem Kind positive Erfahrungen der Kommunikation vermitteln. Das heißt auch wieder, dem Kind die Erfahrung zu vermitteln, dass es mit seinen Kommunikationsversuchen etwas erreichen kann. Lassen Sie beispielsweise dem Kind Zeit bei seinen Äußerungen, vermeiden sie störende Einflüsse bei der Kommunikation und zeigen sie ihm ihr Interesse an Kommunikation (vgl. Leber 2003).