Sexuelle Gewalt und Sexualstrafrecht

Inhaltsverzeichnis:

Menschen mit Behinderungen sind in einem weit höheren Maße von sexueller Gewalt betroffen wie Menschen ohne Behinderungen. Eine Untersuchung ergab, dass 64 % aller Frauen und 50 % aller Männer mit Behinderungen mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von sexueller Gewalt waren. Dies ist bis zu viermal mehr als bei Menschen ohne Behinderung.

In diesem Artikel soll geklärt werden, was sexuelle Gewalt ist, was man beachten sollte und wie man sich im Falle eines Verdachts verhalten sollte.

Was ist sexuelle Gewalt?

Manchmal wird fälschlicherweise von sexuellem Missbrauch statt sexueller Gewalt gesprochen. Dieser Begriff ist jedoch nicht richtig, da ein “Missbrauch” immer einen “ordnungsgemäßen Gebrauch” voraussetzt. Und ein Mensch ist kein Gebrauchsgegenstand.

Sexuelle Gewalt stellt immer eine Grenzverletzung dar. Das bedeutet, dass ein Mensch die persönlichen Grenzen eines Anderen überschreitet, indem er z.B. zu nahe an jemanden herantritt oder ihm mit Worten oder körperlich weh tut.
Sexuelle Gewalt muss auch nicht immer der schlimmste Fall einer Vergewaltigung oder das Berühren der Geschlechtsteile sein. Auch das Entblößen vor anderen Menschen (sogenannter Exhibitionismus), das Berühren von Körperteilen wie Schulter, Kopf, Oberschenkel, etc. sowie Äußerungen über Geschlechts- und Körperteile oder abschätzende Bemerkungen darüber, zählen zur sexuellen Gewalt. Diese Taten oder Situationen sind immer nur von einer Person (der Täter oder die Täterin) gewollt und nur diese Person zieht ein Nutzen daraus. Weiterhin steht der/die Täter/in in einer höheren und stärkeren Machtposition als das Opfer. Das wären unter anderem Geschlecht, Körpergröße, Stärke, Alter und auch geistige Überlegenheit.

Nach dem Strafgesetzbuch (StGB) stellt sexuelle Gewalt (im Gesetz noch als Missbrauch geführt) einen Strafbestand dar, ist in den §§ 174 bis 183 als Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung festgelegt und kann mit hohen Haftstrafen belegt werden. Hier ist insbesondere der § 179, der den sexuellen Missbrauch gegen widerstandunfähige Personen, also auch Menschen mit Behinderungen geregelt. Dort ist zu entnehmen, dass derjenige der sexuelle Handlungen an einer widerstandsunfähigen Person vornimmt oder an sich oder Dritte vornehmen lässt, den Beischlaf mit ihr vollzieht oder auch nur den Versuch unternimmt, mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren bestraft werden kann. Hier ein paar Situationen, bei der Sie überlegen können, ob es sich um eine Grenzverletzung handelt oder nicht:

  • Die Mutter badet gemeinsam mit ihrem 15jährigen geistig behinderten Sohn in der Wanne.
  • Ein 9-jähriges Mädchen geht mit Halsschmerzen zum Arzt. Dieser fordert sie auf, sich nackt auszuziehen.
  • Der Stiefvater küsst seine 16jährige Tochter mit Down-Syndrom zur Verabschiedung auf den Mund.
  • Der Onkel fotographiert seine 13-jährige Nichte nackt am FKK-Strand.

(Eine Musterlösung für diese Fallbeispiele gibt es nicht. Eine befriedigende Lösung würde an dieser Stelle auch sehr lang werden. Wenn es Sie jedoch interessiert und Sie andere Situationen kennen oder Fragen haben, können Sie sich an den Kinderschtzbund wenden (siehe weiterführende Links.)

Wer sind die Täter?

Heutzutage existiert häufig noch das Bild von dem Fremden, der Kindern auflauert und sie dann entführt und sich an ihnen vergeht. Eltern erklären ihren Kindern immer noch, dass sie nicht bei Fremden ins Auto steigen und nichts von Fremden annehmen sollen. Dies ist nicht verkehrt, bringt aber nicht viel, wenn man sich die Täterzahlen anguckt.

Der Großteil der Täter (ca. 77% bis 90%) ist dem Opfer bekannt. Dies ist bei Behinderten und Nichtbehinderten nahezu identisch. Die Täter kommen aus dem persönlichen Umfeld des Opfers. Dazu gehören Verwandte, Bekannte, Eltern, Freunde der Eltern, Nachbarn und auch Mitarbeiter aus Einrichtungen und Schulen. Zu 95% sind die Täter männlich und nur ein geringer Teil ist demnach weiblich. Die weiblichen Täter sind überwiegend Mitarbeiterinnen aus Einrichtungen und Mütter. Häufig werden Opfer zu Tätern, weshalb es auch unter Menschen mit Behinderungen Täter gibt.

Natürlich soll das jetzt nicht heißen, dass jeder in dem Umfeld seines Kindes ein potenzieller Täter ist. Aber es ist häufig so, dass die Eltern dem Kind bei einem Übergriff vom z.B. Onkel oder einem guten Freund in Frage stellen. Dass diese Information ein großer Schock ist und die Eltern so etwas nicht glauben wollen/können, liegt aber meist daran, dass das Bild vom Fremdtäter in den meisten Köpfen noch sehr verbreitet ist.

Warum sind Kinder und Jugendliche mit Behinderungen so häufig betroffen?

Dafür kann es mehrere Gründe geben. Besonders betroffen sind Menschen mit Behinderungen, die in ihrem Alltag auf Hilfe von Anderen angewiesen sind. Je schwerer die Beeinträchtigung ist, desto größer ist die Abhängigkeit von Anderen. Dort sind die Grenzen meist sehr fließend und werden falsch interpretiert. Mögliche Gründe für die Häufigkeit von sexueller Gewalt bei Menschen mit Behinderungen können sein:

  • Übergriffe werden häufig als Pflege getarnt. Dies geschieht meistens in separaten Räumen, wo sich keine dritten Personen aufhalten und dadurch einen Übergriff erleichtern. In den meisten Einrichtungen fehlt zudem eine geschlechtliche Trennung, da das Pflegepersonal meistens weiblich ist.
  • Menschen mit Behinderung werden meist als “geschlechtslose Wesen” ohne eigene Sexualität angesehen. Dementsprechend wird auch bis heute noch die wichtige sexuelle Aufklärung vernachlässigt. Da sie den richtigen Umgang mit Sexualität nicht gelernt haben, wird ein eventueller Übergriff als normales Verhalten angesehen. Außerdem wird etwas, worüber nicht gesprochen wird auch von Menschen mit Behinderung als Tabu angesehen und auch so behandelt und nicht zur Sprache gebracht.
  • Dadurch, dass Menschen mit Behinderungen in vielen alltäglichen Situationen auf fremde Hilfe angewiesen sind, entsteht eine Abhängigkeit zu anderen Person. Diese Abhängigkeit wird von vielen Tätern für ihre Zwecke ausgenutzt.
  • Leider ist es auch so, dass einem Menschen mit Behinderung nicht geglaubt wird und mancher davon ausgeht, dass er/sie sich so etwas ausgedacht hat z.B. um Aufmerksamkeit zu bekommen. Doch etwas derartiges denken sich die Wenigsten aus. Menschen mit Behinderungen haben oft nicht die Quellen (z.B. durch Erzählungen oder Pornofilme) um sich solche Situationen auszudenken. Weiterhin fehlt einigen die kognitive Leistung sich ein detailgetreues Erlebnis auszudenken.
  • Täter und Mitarbeiter interpretieren häufig auch die Folgen falsch. Die Täter können davon ausgehen, dass das Opfer “eh schon behindert ist” und daher nicht viel passieren kann. Damit sind Anzeigen und auch psychische Folgen gemeint. Auch evtl. psychische Folgen eines Übergriffes werden von Fachkräften oft als behinderungsspezifische “Ticks” oder Gefühlsschwankungen abgetan.

 

Woran erkenne ich einen sexuellen Übergriff bei meinem Kind?

Leider gibt es nicht DAS klare Anzeichen für einen sexuellen Übergriff wie z.B. Fieber bei einer Grippe oder einen Bluterguss bei einer Prellung. Es gibt viele beobachtete Anzeichen von Opfern sexueller Gewalt. Jedoch müssen nicht eines oder alle ein klares Anzeichen sein – diese können auch einen anderen Hintergrund haben.

Die deutlichsten und vor Gericht verwendbaren Merkmale eines Übergriffes sind Verletzungen im Genitalbereich oder an den Beinen und Spermaspuren. Weitere Anzeichen sind Aussagen (auch Spontanaussagen) vom Opfer oder von Zeugen. Es gibt auch Folgen von sexueller Gewalt (siehe nächsten Punkt) die so heftig und kurzfristig auftreten, dass sie Anzeichen eines Übergriffes sein können.

Bei Menschen mit Behinderungen ist es zudem schwieriger, da häufig emotionale und psychische Reaktionen als behinderungsspezifische “Begleiterscheinungen” wahrgenommen werden. Hier sollten die Eltern oder Mitarbeiter das Kind/ den Jugendlichen sehr genau beobachten und auf Aussagen oder Erzählungen (wenn auch aus dritter Person) achten.

Was können Folgen von sexueller Gewalt sein?

Bei den Folgen verhält es sich wie bei den Erkennungszeichen. Es gibt keine eindeutigen spezifischen Folgen für sexuelle Gewalt. Wie schwerwiegend die Folgen sein können hängt von der Häufigkeit des Übergriffes, der Intensität (Schwere des Übergriffes), der Beziehung zum Täter und der Art und Weise, wie die Kinder nach dem Übergriff unterstützt worden sind, ab. Folgend aufgezählt sind einige Anzeichen, die auftreten können. Diese können aber auch andere Ursachen wie Probleme in der Familie oder Schule haben. Dazu zählen:

  • Körperliche Verletzungen an Genitalien oder anderen Körperteilen (dies sind allerdings eher die Ausnahmen) wie z.B. Verletzungen an der Vorhaut oder im Vaginalbereich (Schrammen, Risse).
  • Körperliche und psychosomatische Folgen. Blasenentzündung, chronische Unterleibs- oder Bauchschmerzen, Geschlechtskrankheiten oder auch eine Schwangerschaft.
  • Emotionale Reaktionen zeigen sich z.B. durch Rückzug des Kindes und Depressionen.
  • Autoaggressionen (selbstverletzendes Verhalten): Das Kind schädigt sich selbst, indem es z.B. sich in die Hand beißt oder den Kopf irgendwo anschlägt.
  • Das Sozialverhalten des Kindes kann sich ändern, indem es z.B. den Kontakt zu anderen meidet oder gar abbricht oder im Gegensatz intensive Nähe zu anderen sucht oder evtl. selbst zum “Täter” wird und andere Kinder verletzt oder sich an ihnen vergreift.
  • Auch das Sexualverhalten kann beeinflusst werden, indem das Opfer z.B. die selbst erlebte Gewalt auch auf andere überträgt. Es kann auch vorkommen, dass die Betroffenen Ängste vor zärtlichen Berührungen entwickeln.
  • Speziell bei Menschen mit Behinderungen ist nachgewiesen worden, dass die Betroffenen nach einem sexuellen Übergriff vermehrt an Epilepsie und Schwindel litten.

Was kann ich tun, wenn mir ein/mein Kind von einem sexuellem Übergriff erzählt?

Betroffene Eltern oder Mitarbeiter sind sicherlich erst einmal geschockt, wenn sie von einem sexuellen Übergriff bei einem Kind erfahren. Doch aus der Reaktion heraus handelt man oft falsch. Dies geschieht meist unbewusst und keinem kann eine Absicht nachgesagt werden. Jedoch kann man das Kind schwer schädigen, wenn man “kopflos” an die Sache rangeht. Dazu ein paar Ratschläge, die nicht nur für Eltern gedacht sind, sondern auch für Betreuer.

  • Ruhe bewahren ist ganz wichtig. Auch wenn es sehr schwer fällt, bringt es dem Kind nichts, wenn die Bezugsperson ebenfalls unruhig und aufgeregt ist. Am besten erst einmal tief durchatmen.
  • Glauben Sie dem Kind. Stellen Sie niemals den Übergriff in Frage und nehmen Sie die Aussage des Kindes ernst. Stellen Sie das Vertrauen zu dem Kind her und Stärken Sie das Kind, indem Sie ihm Zuwendung und Aufmerksamkeit geben.
  • Wenn das Kind beunruhigt ist, ermutigen und trösten sie das Kind.
  • Lassen sie körperliche oder emotionale Reaktionen, des Kindes wie Zittern oder Weinen zu. Lassen Sie dem Kind die Zeit, das es braucht, um den ersten Schock zu verarbeiten.
  • Viele Täter drohen dem Kind. Nehmen Sie dem Kind die Angst vor Drohungen und sagen Sie, dass der Täter dazu kein Recht hat und heben Sie damit die Drohungen auf.
  • Sehr wichtig ist: Keinen Druck ausüben. Lassen Sie detektivische Nachforschungs-arbeit und konfrontieren Sie das Kind nicht mit dem Übergriff, denn dies kann schwere psychische Schäden auslösen.
  • Opfer von sexuellen Übergriffen haben starke Schuldgefühle. Machen Sie dem Kind keine Vorwürfe wie “Warum hast du das nicht früher erzählt?”. Sagen Sie dem Kind, dass alleine der Täter die Schuld und Verantwortung trägt und dass es gut war, dass das Kind das Erlebte erzählt.
  • Informieren Sie sich über Handlungsschritte und Schutzmöglichkeiten für das Kind. Holen Sie sich Rat bei professionellen Hilfen. Mögliche Institutionen stehen am Ende dieses Artikels.
  • Wenn es um das Thema Strafanzeige – Ja oder Nein? geht, lesen Sie bitte den nächsten Abschnitt.
  • Das wichtigste Ziel sollte sein: Das Kind kann erzählen, was es belastet!

Besuchen Sie auch unser INTAKT-Forum, um sich dort mit betroffenen Eltern auszutauschen und zu informieren.

 

Nein heißt Nein - das neue Sexualstrafrecht

Im November 2016 trat das Gesetz zur Verbesserung des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung in Kraft. Dadurch wurden mehrere Gesetze angepasst.

Im Unterschied zu früher, muss das Opfer sich nicht gewaltsam wehren damit die Tat als Straftat gewertet wird. Unter anderem ist seither gemäß § 177 Strafgesetzbuch nun strafbar, wenn

das Opfer die Handlung klar ablehnt, der Täter also gegen den erkennbaren Willen

- ablehnende Worte z.B. "Nein!" oder ablehnende Haltung des Opfers ignoriert

- sexuell belästigt, z.B. das Betasten der Brust (auch in Kleidung), das Grapschen am Gesäß (Po)

Unter Freiheitstrafe steht nun (zum Schutz von Menschen mit Behinderung):

- das Ausnützen einer (geistigen, körperlichen oder psychischen) Behinderung für eine sexuelle Handlung. Hierbei kommt es nicht darauf an, ob das Opfer seinen Willen äußern kann oder sich ausdrücken kann.

Desweiteren ist nicht erlaubt, einen Überraschungsmoment auszunutzen oder das Opfer im Glauben zu lassen, dass ihm bei Widerstand ein empfindliches Übel (z.B. Gewalt) droht!

Bei Bedrohung ist bereits der Versuch strafbar.

Straftaten aus Gruppen:

Neu ist auch, dass das Auftreten in Gruppen strafbar sein kann (§ 184j StGB) nämlich dann, wenn aus der Gruppe heraus eine Person gegen ihren Willen sexuell bedrängt wird. Strafbar machen sich auch jene, die durch ihre Beteiligung in der Gruppe diese Straftat fördern (auch ohne selbst Hand anzulegen).

(Hintergrund sind sexuelle Übergriffe von Gruppen in einer Silvesternacht im Jahr 2015 in Köln )

Was noch zu sagen bleibt...

Einen Patentschutz gegen sexuelle Übergriffe gibt es nicht. Wir können aber entgegenwirken, indem die Aufklärungs- und Präventionsarbeit bei Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen deutlich verstärkt wird und wir uns selbst mit dem Thema auseinandersetzen. Zudem sollten Einrichtungen ihre MitarbeiterInnen auf solche Situationen vorbereiten und schulen.

Anlaufstellen in unserer Adressdatenbank

Wir haben für Sie in einer Adressdatenbank für Bayern wichtige Adressen, die Ihnen weiterhelfen können, zusammengetragen.

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Quellen:

  • Autor des Ursprungsartikels: Oliver Jäger (Dipl. Sozialarbeiter), Deutscher Kinderschutzbund Kreisverband Nürnberg e. V.