Infantile Zerebralparese (ICP)

Inhaltsverzeichnis:

Übersicht

Die folgende Übersicht (nach einer Tabelle aus Stadler 2000, 80) gibt einen kurzen Überblick über Erscheinungsformen, Ursachen und Auswirkungen der ICP.

Erscheinungformen

Abnorme Muskelspannungen, die zu Störungen der Bewegungsfunktion führen. Die Art der abweichenden Muskelspannung kennzeichnet die Form:

1. Spastik

  • erhöhter Muskeltonus
  • veränderte Bewegungsmuster

2. Athetose

  • Muskeltonus stark schwankend
  • asymmetrische Bewegungen
  • Haltungsanomalien

3. fehlende Kontrolle der Mimik

  • Ataxie und Hypotonie
  • verminderter Muskeltonus
  • fehlende Zielgerichtetheit
  • mangelnde Dosierung der Bewegungen
  • Gleichgewichtsstörungen

Ursachen

  • prä-, peri- oder postnatale Schädigung des unreifen Gehirns
  • während der Schwangerschaft durch Infektionen
  • bei schwieriger Geburt durch Sauerstoffmangel und Gehirnblutungen
  • im Säuglingsalter durch Entzündungen im Gehirn und seinen Häuten

Auswirkungen

  • spastische Tetraplegie: starke, fast vollständige Bewegungseinschränkungen (Rollstuhlabhängigkeit)
  • spastische Diplegie: Gleichgewichtsprobleme und balancierende Bewegungen (Abhängigkeit von Gehhilfen)
  • spastische Hemiplegie: betroffene Seite weniger entwickelt, Bevorzugung der nicht betroffenen Seite
  • Athethose: Asymmetrisch tonischer Nacken-Reflex (ATNR) erschwert gezieltes Greifen, Essen, Spielen; Nahrungsaufnahme erschwert; Mimik vermittelt unberechtigterweise den Eindruck einer geistigen Behinderung
  • Ataxie/Taxie/Hypotonie: Betroffene wirken unsicher, schlaff, bewegungsarm

Formen der ICP

Nachfolgend werden die drei Formen der ICP genauer verdeutlicht; dabei beziehen sich die in Klammern angegebenen Häufigkeitsverteilungen der einzelnen Formen auf eine Aufstellung von Sigrun von Loh (2003, 223):

Spastische Lähmung (70-80 %)

Die spastische Lähmung ist gekennzeichnet durch einen Hypertonus der Muskulatur, der eine Fehlkoordination von Bewegung und Haltungsbewahrung zur Folge hat (vgl. Kallenbach 2000, 57). Um eine Bewegung koordiniert ausführen zu können, müssen die Tonusstärken der Beuger und Strecker adäquat gesteuert werden, was infolge der Hirnschädigung nicht mehr möglich ist: Beuger und Strecker werden nicht abgestimmt gesteuert, sondern gleichzeitig angespannt (pathologische Co-Kontraktion). Durch die Hypertonie der Muskeln wird eine Koordination verhindert, es kommt zu einer Einschränkung von Bewegungsmöglichkeiten mit der Folge von Muskelverkürzungen.

Besondere Risikofaktoren für eine cerebrale Dysfunktion können nach Heubrock/Petermann (2000) sein:

  1. Frühgeburten mit einem Geburtsgewicht < 750g: Zu den häufigsten Komplikationen frühgeborener Kinder gehören Atemnot-Syndrome, intraventrikuläre Hirnblutungen und der arterielle Infarkt mit cerebralen Läsionen. Diese Faktoren bringen ein erhöhtes Risiko bleibender neuropsychologischer Funktionsstörungen mit sich.
  2. Schädigungen im letzten Drittel der Schwangerschaft: Neuronale Entwicklungsstörungen können zu einer Unterbrechung der Zellmigration, zu Veränderungen der axonalen und dendritischen Verbindungen, zu einer Unterentwicklung der synaptischen Verschaltungen oder zu einer verzögerten oder reduzierten Myelinisierung mit weitreichenden Konsequenzen für die Entwicklung führen.
  3. Auch durch eine plötzliche Unterversorgung, beispielsweise einer Ischämie (Reduzierter Blutfluss), kann es zu einer Schädigung des Cortex kommen.
  4. Ein Mangel an Sauerstoff (Hypoxie) während der Geburt kann eine Schädigung der Basalganglien und anderer subcorikaler Strukturen nach sich ziehen mit der Konsequenz einer Schädigung der Extrapyramidalen Bahnen.

Drei Formen der Spastischen Lähmung lassen sich unterscheiden:

Skizze von Mensch mit DipareseDie Spastische Diparese (20 %) ist gekennzeichnet durch eine Einschränkung zweier Extremitäten (in der Regel der Beine, selten der Arme). Diese symmetrische Bewegungsstörung – im Regelfall der Beine – macht es dem Kind schwer laufen zu lernen. Im Sitzen ist die Hüftbeugung beeinträchtigt, deshalb wird von den Kindern gerne der bequemere Zwischenfersen-Sitz eingenommen, der jedoch für den Rundrücken zusätzlich belastend sein kann (Loh 2003, 234).

Bei der Spastischen Tetraparese (40 %) sind alle vier Extremitäten und mehr oder minder die Muskulatur des ganzen Körpers betroffen.Skizze von Mensch mit Tetraparese Dabei sind die Oberarme meist an den Körper gedrückt (adduziert), während die Unterarme einwärts gedreht abstehen (abduziert) bei gleichzeitiger Beugung in den Ellbogen und Händen mit Faustschluss bei eingeschlagenem Daumen. Die Beine sind gestreckt und einwärts gedreht bei gleichzeitiger Überstreckung der Hüfte und einer Spitzfußstellung (Kallenbach 2000, 58).

Kennzeichen der Hemiparese (Halbseitenlähmung) (40 %) ist eine beeinträchtigte und eine unbeeinträchtigte Körperhälfte, dabei sind häufig Arme stärker betroffen als die Beine. Die Kinder lernen in der Regel das Laufen, wenn auch mit einem verkürzten, vermindert tragfähigen Bein und oftmals einer Schiefhaltung des ganzen Körpers (Loh 2003, 232).

Eine Einschränkung können auch „assoziierte Reaktionen“ sein. Diese schränken die Gesamtgeschicklichkeit ein, indem durch Reifestörungen des Nervensystems bei Anspannung einer Muskelpartie unwillkürlich auch andere Muskeln angespannt werden. So kann sich beispielsweise beim Schreiben durch ungewollte Anspannung des Rumpfes die Sitzhaltung verschlechtern oder die Schrift verschlechtert sich nach langem Sitzen (ebd.).

Athetose (8-20 %)

Während die spastische Lähmung die Bewegungen einschränkt, führt die Athetose paradoxerweise zu einer Übersteuerung des Bewegungssystems. Bei grundsätzlich eher schlaffem Muskeltonus kommt es häufig zu einem ständigen unregelmäßigen und unwillkürlichen Wechsel (Dystonie) der Muskelspannungen aus hypotonem (schlaffem) und hypertonem (übersteigertem) Muskeltonus. Dadurch kommt es bei den betroffenen Kindern zu ständigen ungesteuerten, oft geschraubten und für den Betrachter oft bizarr wirkenden Bewegungen. Besonders betroffen sind Hände und Füße: Symmetrisches greifen ist häufig unmöglich, einhändiges Greifen schwierig, denn durch die ansteigende Muskelspannung beim Zugreifen verstärkt sich die Beugung, und der Arm zieht die Hand zurück.

Das Kind mit Athetose kann unter Aussprache- (Dysarthrien), Schluckstörungen und ungewollten Blickwendungen leiden, die das Fixieren auf einen Punkt (z.B. beim Lesen) erschweren. Das Erlernen des Laufens ist auch bei leichter Ausprägung durch ständige Sturzgefahr bedroht.

Ataxie (5 %)

Ataxie Bei der Ataxie – der seltensten Form – ist der Regelkreis der zentralen Steuerung durch Störungen in der Bewegungskontrolle seitens des Kleinhirns und seiner Nervenbahnen geschädigt. Zentrale Einschränkung ist die Schädigung des Gleichgewicht-Systems. Ausdruck ist der sogenannte „gestelzte Gang“ mit Streckmustern in den oberen Extremitäten. Ein weiterer Ausdruck sind ständige Cokontraktionen als Folge einer Übersteuerung im Zentralnervensystem. Aus der Übersteuerung resultiert wie bei der Athetose eine für das Kind sehr erschwerte Bewegungskoordination. Die Ataxie und Athetose sind im Erscheinungsbild nicht selten sehr ähnlich.

Die Symptomatik der ICP ist gut bekannt und schon seit dem 19.Jahrhundert in erster Form klassifiziert. Im Hinblick auf die genaue Neurophysiologie ist es nach Kunze/Altenkirch (1999, 759) wichtig zu bedenken, dass „unsere Vorstellungen von den neurophysiologischen Grundlagen der infantilen Zerebralparesen lückenhaft“ sind und „eine exakte topographische Diagnose (Lokalisation der Störung) […] bei infantilen Zerebralparesen nur selten“ gelingt.

ICP und Lernen

Bei Kindern mit einer Infantilen Cerebralparese ist das Lernen nicht zwangsläufig eingeschränkt, vielmehr zeigen sich alle Ausprägungsformen. Grundsätzlich gilt nach Leyendecker: „Diese [Personen mit einer cerebralen Bewegungsstörung] lernen nicht generell weniger, aber viele brauchen dazu mehr Zeit. Die Lernzuwachsrate ist erheblich verlangsamt, der Lernfortschritt zeigt zudem einen unregelmäßigen, diskontinuierlichen Verlauf“ (2005, 97).

Förderung

Von besonderer Bedeutung ist die Förderung: Ein möglichst früher Beginn der Frühförderung und später die schulische Förderung. Eine umfassende qualitative Diagnostik stellt die Notwendigkeiten des Kindes sicher, u.a. auch bezogen auf Physio-, Ergo- und Logopädie.

Rowan/Monaghan benennen die elementaren Faktoren einer frühen Identifikation der ICP, der Entwicklung einer geeigneten Förderung und den Einsatz eines interdisziplinären Teams für eine erfolgreiche Intervention bei ICP: „Early identification of CP, development of appropriate intervention program, and the use of a multidisciplinary team approach have been found to relate strongly to later success in school and life“ (zit.n. Teeter/Semrud-Clikeman 1997, 191).

Bei der Frühförderung stehen zwei Bereiche zentral im Vordergrund.

  • Auf der einen Seite sind es die physiotherapeutischen Interventionen. Bewährt sind nach Kunze/Altenkirch (1999, 760) die Methoden nach Bobath und Vojta als Krankengymnastik auf neurophysiologischer Grundlage.
    Untersuchungen zeigten, dass ein möglichst früher Förderbeginn (möglichst innerhalb des 1. Lebenshalbjahres) die entscheidende Bedingungsvariable für eine erfolgreiche Förderung ist.
  • Auf der anderen Seite ist die positive Eltern-Kind-Beziehung von entscheidender Bedeutung.
    Stichwort ist eine „Interaktions- und beziehungsfokussierte Frühförderung“. In der Frühförderung werden inzwischen Faktoren wie der Eltern-Kind-Interaktion, dem sozialen Netzwerk der Familie, ihren Ressourcen und Problemlösungskompetenzen, der Gesundheit und emotionalen Wirklichkeit von Kind und Familie und der Selbstgestaltung und Autonomie des Kindes größere Bedeutung zugemessen (vgl. Weiß 1995, 67).

Ziel ist es, den pädagogischen Zugang und die Fördersituation so zu gestalten, dass sich das Kind als Bewirker seiner Handlungen sehen kann. Durch das Vermitteln von Erfolgserlebnissen kann man die Eigenaktivität des Kindes fördern.

Quellen:

  • Heubrock, D. / Petermann, F.: Lehrbuch der Klinischen Kinderneuropsychologie. Grundlagen, Syndrome, Diagnostik und Intervention. Göttingen 2000
  • Kallenbach, H.: Infantile Cerebralparese (ICP) – frühkindliche cerebrale Bewegungsstörungen. In: Kallenbach, H. (Hrsg.) : Körperbehinderungen. Schädigungsaspekte, psychosoziale Auswirkungen und pädagogisch-rehabilitative Maßnahmen. Bad Heilbrunn 2000
  • Kunze, K. / Altenkirch, H.: Praxis der Neurologie. 2. Auflage. Stuttgart 1999
  • Leyendecker, C.: Motorische Behinderungen. Grundlagen, Zusammenhänge und Förderungsmöglichkeiten. Stuttgart 2005
  • Liebsch, R.: Neurologie. 2. Auflage. München 2001
  • Loh, S. von: Entwicklungsstörungen bei Kindern. Stuttgart 2003
  • Stadler, H.: Körperbehinderungen. In: Borchert, J. (Hrsg.): Handbuch der Sonderpädagogischen Psychologie. Göttingen 2000
  • Teeter, P. A. / Semrud-Clikeman, M.: Child Neuropsychology: Assessment and Interventions for Neurodevelopmental Disorders. 2.Auflage. Boston 1997
  • Weiß, H. / Neuhäuser, G. / Sohns, A.: Soziale Arbeit in der Frühförderung und der Sozialpädiatrie. München 2004