Frühkindlicher Autismus

Inhaltsverzeichnis:

Ursachen

Trotz vielfältiger Einzelergebnisse hat die Forschung bisher noch keine verbindlichen Ursachen aufgedeckt. Wahrscheinlich wirken mehrere Faktoren bei der Entstehung von Autismus zusammen. Nach neuesten Ergebnissen sind genetische und biologische Ursachen (z.B. Unterschiede in der Struktur des Gehirns) maßgeblich beteiligt.
Einigkeit besteht inzwischen darin, dass das Verhalten der Eltern/Mütter oder eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung nicht Ursache für die Entstehung von Autismus sind.

Häufigkeit

Auf 100000 Kinder kommen ungefähr 4 bis 5 mit frühkindlichem Autismus.
Die Anzahl der betroffenen Jungen ist höher als die der betroffenen Mädchen. Das Verhältnis betroffener Jungen zu Mädchen liegt etwa bei 4:1.
Bei 75 – 80% der Kinder mit frühkindlichem Autismus wird gleichzeitig eine Intelligenzminderung festgestellt.

Merkmale des frühkindlichen Autismus

Veränderte sensorische Wahrnehmung

Autistische Kinder haben oft Störungen in den fünf Sinnesbereichen Hören, Sehen, Schmecken, Riechen und Tasten. Eindrücke werden im Hirn anders verarbeitet als bei anderen Menschen. Um von der Reizvielfalt der Umwelt nicht überflutet zu werden, filtern Sie die Informationen, die auf sie einströmen, besonders stark (“Überselektion”): Die Wahrnehmung ist so eingeengt, dass sie nur winzige Einzelheiten aufnehmen, diese dann aber besonders genau registrieren und etwa erkennen, dass ein Stuhl im Raum anders steht als sonst oder dass in einer Sammlung aus 100 Glasmurmeln eine fehlt.
Beispielsweise kann es sein, dass autistische Kinder bei Geräuschen in Panik geraten, die anderen keine Probleme bereiten. Oder sie greifen so fest zu, dass es für andere Menschen schmerzhaft ist. Leise Töne können Sie aber häufig genau wie bestimmte Lichtreflexe oder Spiegelungen stark in ihren Bann ziehen.
Oft ist auch die Haut besonders sensibel und deshalb werden Berührungen wie Streicheln als unangenehm empfunden. Man könnte das vergleichen mit einem Sonnenbrand, auf dem Streicheleinheiten wohl von jedem als unangenehm empfunden werden. Gleichzeitig tritt oft der Eindruck auf, autistische Kinder seien unempfindlich gegenüber Hitze-, Kälte-, Schmerz- und unangenehmen Geschmacksreizen.
Da in vielen sozialen Situationen die verschiedenen Sinne gleichzeitig angesprochen werden, sind diese für autistische Kinder besonders unübersichtlich. Betritt ein Mensch einen Raum sieht man diesen, hört seine Schritte, kann sein Parfum riechen. Das Zusammenwirken dieser Vielfalt von Reizen kann für Betroffene sehr beunruhigend und verängstigend wirken.
Durch die beeinträchtigte Wahrnehmung ist auch die Planung und Ausführung von Handlungen beeinträchtigt: Deshalb müssen auch einfache Alltagshandlungen wie Anziehen, Händewaschen oder Haare Bürsten von Kindern mit Autismus meist erst mit großer Mühe gelernt und ihnen mit viel Geduld vermittelt werden. Sie können häufig nicht nachvollziehen, wie andere wahrnehmen und auf welches Ziel sie hinarbeiten.

Beeinträchtigung der Kommunikation und Sprache

Ungefähr die Hälfte der frühkindlich autistischen Kinder lernt nicht sprechen, bei der anderen Hälfte ist die Sprachentwicklung oft verzögert und die Sprache bleibt auffällig. Sowohl der Inhalt, als auch die Sprachmelodie und Betonung sowie das Eingehen auf den Gesprächspartner sind betroffen.
Die Sprache ist oft eintönig, sehr laut oder leise und es werden unerwartet Wörter betont. Häufig sprechen autistische Kinder in langen Monologen.
Probleme in der Kommunikation können auch dadurch entstehen, dass Witze, Ironie und übertragene Bedeutungen von Kindern mit Autismus oft nicht verstanden werden. Sie nehmen die Sprache wörtlich und jedes Bild der Sprache muss Ihnen einzeln erklärt werden.
Auch der Bereich der nonverbalen Kommunikation, also der Mimik und Gestik, ist betroffen. Da diese Anteile für die Kommunikation aber sehr wichtig sind, ist die Unterhaltung mit anderen Menschen für autistische Kinder sehr erschwert.

Störung des Sozialverhaltens

Dieses Merkmal des Autismus fällt Außenstehenden oft als erstes auf. Autistische Kinder können soziale Situationen nicht spontan erfassen. Dadurch bleibt ihnen der Sinn von gemeinsamen Handlungen verschlossen und sie erkennen nicht, welche Verhaltensweisen von ihnen erwartet werden.
Die betroffenen Kinder benötigen oft lange, geduldige Erklärungen, bis sie soziale Situationen verstehen und sich an der Gemeinschaft beteiligen können. Bei dieser Voraussetzung wundert es nicht, dass sie wenig und eher neben anderen Kindern spielen. Es erfolgt eine Abkapselung von der menschlichen Umwelt, gleichzeitig können sich die Kinder stundenlang allein beschäftigen.
Ihre Zurückgezogenheit muss jedoch nicht heißen, dass sie nicht an Menschen interessiert sind: Oft sind autistische Kinder nur zu unbeholfen, um Kontakte aufzubauen; häufig werden sie deswegen auch abgewiesen.

Zwanghafte und rituelle Handlungen

Verändert sich die gewohnte Situation, reagieren Autisten oft heftig. Die Veränderung kann die Stellung der Möbel in der Wohnung, die Ordnung der Spielsachen, oder auch die Farbe der Marmelade beim Frühstück sein. Auf Abweichungen vom Gewohnten reagieren autistische Kinder mit Autoagressionen oder Stereopypien. Stereotypien können Hand-, Finger-, Kopf- oder Körperbewegungen wie Klopfen, Schlagen, Schaukeln oder Hüpfen sein.
Diese Reaktion sind Ausdruck für die Bedrohung durch die Situation, die durch ihre Veränderung beängstigend und unbeherrschbar für die betroffenen Kinder wirkt.
In engem Zusammenhang zur Angst vor Veränderungen steht das große Interesse zu Gegenständen der unbelebten Welt: Lichtrschalter, Murmeln, Schachteln oder ähnliches üben große Faszination aus; autistische Kinder können sich mit diesen Gegenständen stundenlang beschäftigen.

Diagnose

Zur Diagnose des frühkindlichen Autismus haben sich in der Praxis so genannte Merkmalslisten vom Bundesverband “Hilfe für das autistische Kind e.V.” durchgesetzt.
Diese Merkmalslisten umfassen viele Einzelmerkmale. Erst das gemeinsame Auftreten bestimmter Merkmale führt zur Diagnose “Frühkindlicher Autismus”.
Dabei müssen nicht alle Symptome gleichzeitig nebeneinander vorhanden sein, einige der in dieser Liste aufgeführten Merkmale schließen sich auch gegenseitig aus.
Die Einzelmerkmale sind nach den Oberbegriffen Wahrnehmung, Sprache, motorische Kontrolle und autonome Funktionen, Sozial-/Spielverhalten und spezielle Fertigkeiten sortiert.
Auf der Internetseite des Öffnet externen Link in neuem FensterAutismus Oberbayern e.V. kann eine solche Merkmalsliste eingesehen werden.

Ratschläge für konkrete Verhaltensweisen und Hilfsangebote

Frühkindlicher Autismus ist nicht heilbar. Durch intensive Therapie und Erziehung kann man jedoch die Entwicklung von Kompensationsstrategien fördern. Dadurch können autistische Menschen in Einzelfällen lernen ein relativ selbstständiges Leben zu führen, eine vollständige Selbstständigkeit ist jedoch nur sehr selten erreichbar.
Am wichtigsten ist für alle Betroffenen, das Gefühl angenommen und verstanden zu werden.

Was können Eltern tun?

Die Öffnet externen Link in neuem FensterDeutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie hat folgende Vorschläge veröffentlicht:

  • Versuchen Sie, die Erkrankung zu akzeptieren und sie zu verstehen.
  • Informieren Sie sich ausführlich über autistische Störungen und die mit der Erkrankung verbundenen Besonderheiten.
  • Klären Sie alle Kontaktpersonen über die Erkrankung Ihres Kindes auf.
  • Wenden Sie sich an einen erfahrenen Kinder- und Jugendpsychiater, lassen Sie sich ausführlich hinsichtlich Therapie- und Förderungsmöglichkeiten beraten.
  • Prüfen Sie Ihre Wohnungssituation und die nähere Umgebung auf mögliche Gefahrenquellen, nahe Therapieangebote, entsprechende Betreuungseinrichtungen, hilfsbereite Nachbarn etc. Stellen Sie Anträge für eventuelle Kostenübernahme bzw. finanzielle Unterstützung.
  • Hemmen Sie ein autistisches Kind nicht in seiner Entwicklung. Fördern Sie es im richtigen Maße – reagieren sie nicht überängstlich, trauen Sie ihm etwas zu, aber verlangen Sie nicht etwas, das es nicht leisten kann.
  • Setzen Sie realistische Therapieziele. So werden Fortschritte schneller sichtbar.
  • Denken Sie auch an sich! Nur erholt und entspannt, haben Sie genug Kraft für Ihre Familie.
  • Vermeiden Sie unbedingt Schuldzuweisungen – gegenüber sich selbst und anderen Familienmitgliedern.
  • Und: Bleiben Sie gegenüber ungeprüften Heilmethoden ruhig und gelassen, besonders, wenn diese schnelle und vollständige Heilung bei oft ungeheurem Aufwand an Zeit und Geld versprechen.

Therapiemöglichkeiten

Eine Übersicht über Therapiemöglichkeiten findet sich auf der Öffnet externen Link in neuem FensterInternetseite der Neurologen und Psychiater im Netz.

Informationsquellen

Eine umfangreiche Liste von Buchtipps mit ausführlichen Beschreibungen finden sich auf der Seite Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.autismus-web.de