Behandlung mit Botulinumtoxin

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Autorin des Artikels: Barbara Walter (cand. phil.), Institut für Sonderpädagogik, Universität Würzburg

Was ist Botulinumtoxin?

Botulinumtoxin ist ein Neurotoxin (= Nervengift) und wird von dem Bakterium Clostridium botulinum gebildet. Botulinumtoxin ist seit langem als Verursacher von Nahrungsmittelvergiftungen bekannt. Sehr stark verdünnt kann dieses Gift jedoch medizinisch sehr wirkungsvoll eingesetzt werden.

Besser bekannt ist Botulinumtoxin unter den Firmennamen Botox oder Dysport. Erstmals wurde Botulinumtoxin 1980 erfolgreich zur Behandlung von Strabismus (= Schielen) und von Blepharospasmus (= Lidkrampf) eingesetzt. Heute findet das Neurotoxin vielfältige Anwendung: es wird z.B: zur Behandlung der Hyperdrosis (= übermäßiges Schwitzen) eingesetzt oder bei der Schönheitsbehandlung zur Glättung von Falten verwendet.

Diese Ausführung beschäftigt sich jedoch mit Therapie von Patienten mit spastischen Syndromen. Der Begriff Spastik stammt von dem griechischen Wort Spasmus ab und bedeutet soviel wie “Krampf”. Unter einer Spastik versteht man also eine Verkrampfung der Muskulatur. Der Muskeltonus ist pathologisch erhöht und führt zu einer Verkürzung der Muskelstränge in der betroffenen Extremität. Die Folgen sind u.a. Schmerzen, Unbeweglichkeit und Fehlstellungen der Gelenke. Häufige Erkrankungen, die mit einer Spastik einhergehen sind Multiples Sklerose, Schlaganfall, Schädel-Hirntraumen, Rückenmarksverletzungen und Hirnschädigungen durch Sauerstoffmangel.

Wie wirkt Botulinumtoxin?

Botulinumtoxin wird direkt in den betroffenen Muskel injiziert. Das Neurotoxin bewirkt eine Blockierung der Übertragung von Signalen zwischen dem Nerv und seinem Zielmuskel. Dadurch kommt es zu einer Schwächung des Muskels und die übermäßige Versteifung des spastischen Muskels nimmt ab.

Die Wirkung tritt nach ca. 3-4 Tagen ein, die Wirkdauer ist individuell unterschiedlich und beträgt zwischen 3-4 Monaten. Botulinumtoxin wird im Laufe der Zeit vom Körper abgebaut, die Wirkung ist also rückläufig und eine erneute Injektion ist notwendig. Eine bessere Verteilung des Medikaments kann durch eine gleichzeitige Elektrostimulation des Muskels erreicht werden. Das Krankenhaus Lindenbrunn setzt diese Methode u.a. seit einiger Zeit mit Erfolg ein.

In seltenen Fällen bilden Patienten Antikörper aus gegen Botulinumtoxin oder es kommt zu einer vorübergehend anhaltenden Schwächung des Muskels

Bei welchen spastischen Symptomen ist die Anwendung von Botulinumtoxin geeignet?

Die Behandlung mit Botulinumtoxin ist dann sinnvoll, wenn die Spastik einzelne Muskeln betrifft. Beispielsweise, wenn ein spastischer Spitzfuss, ein Adduktorenspasmus (Spastik in den Oberschenkeln),ein ständiger Faustschluss oder eine Spastik der Oberarme oder der Waden vorliegt. Denn Botulinumtoxin kann wegen eventueller Nebenwirkungen nur in eine begrenzte Anzahl von Muskeln injiziert werden; Bei einer generalisierten Spastik (= Spastik, die den ganzen Körper betrifft) könnte das Medikament nicht zielgerichtet eingesetzt werden, da die notwendige Dosis zu hoch wäre und man mit ernsten Nebenwirkungen rechnen müsste.

Wann ist der Einsatz von Botulinumtoxin nicht geeignet?

Da Botulinumtoxin direkt in den Muskel injiziert wird ergeben sich einige Gegenanzeigen durch diese Art der Anwendung. Somit ist Botulinumtoxin nicht geeignet, wenn eine angeborene oder erworbene Gerinnungsstörung vorliegt oder wenn gerinnungshemmende Medikamente eingenommen werden.

Allgemeine Gegenanzeigen für den Einsatz von Botulinumtoxin sind die Einnahme von Aminoglykosidantibiothika, das Vorliegen einer Myasthenie (= Muskelschwäche) andere muskuläre Erkrankungen oder eine Schwangerschaft.

Was kann man mit Botulinumtoxin erreichen und was nicht?

Ziel der Behandlung mit Botulinumtoxin ist

  • die Schmerzlinderung,
  • die Erleichterung der Pflege,
  • die Prophylaxe von Hautinfektionen (beim ständigen Faustschluss kommt es häufig zu Pilzinfektionen)
  • die Prophylaxe von Fehlstellungen und Kontrakturen (Verkürzungen von Muskeln und Sehnen) und eine
  • Verbesserung der Funktionalität.

Die Anwendung von Botulinumtoxin bewirkt bei allen genannten Erscheinungsformen eine Abnahme des Muskeltonus, eine Verbesserung des aktiven und passiven Bewegungsumfangs und eine Schmerzlinderung. Die Pflege wurde insbesondere durch die Behandlung des Adduktorenspasmus (Spastik in den Oberschenkeln) erleichtert. Die Behandlung des Faustschlusses führte zu einem Nachlassen des “Einkrallens” der Finger in die Handinnenfläche und so zu besseren hygienischen Verhältnissen. Die Abteilung für Neurologische Rehabilitation der Klinik Berlin konnte auch bei der Behandlung des Spitzfußes mit Botulinumtoxin eine funktionelle Verbesserung feststellen. Die Patienten konnten nach der Behandlung schneller und symmetrischer gehen und ihren Körper während dem Stehen besser nach vorne verlagern.

Die Behandlung mit Botulinumtoxin sollte immer in Kombination mit anderen therapeutischen Maßnahmen erfolgen. Durch Krankengymnastik beispielsweise – in Verbindung mit Botox-Injektionen – können spastische Muskeln gedehnt werden und der betroffene Muskel hat die Möglichkeit zu wachsen. Durch die Zunahme der Länge des Muskels kann man oftmals Kontrakturen vermeiden und Muskel- oder Sehnenverlängernde Operationen hinauszögern oder sogar ganz vermeiden.

Durch die Anwendung des Botulinumtoxin ist eine wesentliche Verbesserung der Spastik möglich, aber keine Heilung!!!!

Gibt es noch weitere Möglichkeiten zur medikamentösen Behandlung einer Spastik?

Neben der Behandlung mit Botulinumtoxin gibt es noch die Möglichkeit der oralen medikamentösen Behandlung oder die Implantation einer Baclofen Pumpe.

Bei der oralen medikamentöse Behandlung dämpfen Medikamente wie z. B. Baclofen, Tizanidin oder Diazepam den Muskeltonus unspezifisch. Deshalb ist diese Art der Behandlung besonders für immobile Patienten geeignet mit dem Ziel der Schmerzlinderung und der Pflegeerleichterung. Nebenwirkungen können verstärkte Müdigkeit, Benommenheit und eine generalisierte Muskelschwäche sein. Deshalb werden orale Antispastika oft nicht bis zu einer therapeutisch befriedigenden Stärke aufdosiert.

Das Einsetzen einer Baclofen-Pumpe ist nur zur Therapie einer sehr schweren generalisierten Spastik geeignet. Nur wenn die orale medikamentöse Behandlung und der Einsatz von Botulinumtoxin nicht die gewünschte Wirkung zeigen sollte eine Baclofen- Pumpe zum Einsatz kommen.

Weitere Informationen:

  • Dressler, Dirk: Botulinumtoxin-Therapie; Thieme Verlag
  • Heinen, Florian: Botulinumtoxin bei Kindern mit Zerebralparese; Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel Hamburg