Hyperkinetische Störungen bei Kindern mit geistiger Behinderung

Inhaltsverzeichnis:

Woran erkennen Sie Kinder mit hyperkinetischen Auffälligkeiten?

Hyperaktive Kinder und Jugendliche fallen in der Regel durch Probleme in drei Kernbereichen auf:

Motorische Unruhe

Die Kinder sind sehr ruhelos, besonders dann, wenn sie sich ruhig verhalten sollen. Dies macht sich vor allem in strukturierten Situationen wie z. B. in der Schule, im Kindergarten oder beim Mittagessen bemerkbar. Es fällt ihnen schwer, ruhig zu spielen. Sie laufen oder klettern permanent herum. An Aufforderungen still zu sein und sitzen zu bleiben, können sie sich nur kurze Zeit halten.

Kurze Aufmerksamkeitsspanne

Die Kinder brechen Aufgaben oder ein Spiel vorzeitig ab und beenden Tätigkeiten nicht. Sie wechseln häufig von einer Aktivität zur anderen, wobei sie anscheinend das Interesse an einer Aufgabe verlieren, weil sie durch Ablenkung auf etwas anderes aufmerksam werden. Dies wird vor allem bei Beschäftigungen beobachtet, die geistige Anstrengung erfordern. Tätigkeiten, die von anderen vorgegeben werden, werden von den Kindern häufiger unterbrochen als selbstgewählte Beschäftigungen.

Impulsivität

Hyperaktiven Kindern fällt es oft schwer, Gedanken oder Ideen in ihrem Kopf zu behalten, zu warten bis sie an der Reihe sind oder ihr Verhalten zu steuern. Sie platzen mit Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist, unterbrechen oder stören andere. Durch ihre Impulsivität folgen sie ihren Einfällen ohne über mögliche Konsequenzen nachzudenken. Dabei können sie sich in gefährliche Situationen begeben und haben häufiger Unfälle.

Jedes Kind ist irgendwann mal unruhig, unkonzentriert oder leicht ablenkbar. Eine hyperkinetische Störung liegt erst dann vor, wenn das Verhalten im Vergleich mit einem gleichaltrigen Kind gleicher Intelligenz extrem ausgeprägt ist und in verschiedenen Bereichen (z.B. zu Hause und in der Schule) auftritt. Es ist wichtig, zu wissen, dass Ihr Kind dieses Verhalten nicht zeigt, weil es sich zu wenig anstrengt, faul ist oder weil Sie Erziehungsfehler gemacht haben, sondern weil es eine Krankheit hat, für die es Behandlungsmöglichkeiten gibt.

Was sind die Ursachen?

Es gibt bis heute keine eindeutige Erklärung für die Entstehung von hyperkinetischen Störungen. Es wird aber davon ausgegangen, dass es sich um eine Veränderung der Funktionsweise des Gehirns handelt. Neben dieser Funktionsstörung beeinflussen die familiäre Situation und auch die Bedingungen in Schule oder Kindergarten das Ausmaß der Probleme und ihren Verlauf. Unter den klinischen Syndromen von geistiger Behinderung gibt es auch einige, bei denen Hyperaktivität zu den klassischen Symptomen zählt. Dazu gehören das Fragile-X-Syndrom, das Dubowitz-Syndrom und die Öffnet internen Link im aktuellen FensterAlkoholembryopathie .

Wie sieht die Behandlung aus?

Die Behandlung von hyperkinetischen Störungen soll grundsätzlich da ansetzen, wo die Probleme auftreten, also beim Kind selbst, in der Familie oder in der Schule. Es ist also ein mehrdimensionaler Ansatz notwendig.

In der Regel beinhaltet die Behandlung fünf Ansatzpunkte:

  • die Beratung von Eltern, Lehrer und Kind,
  • Interventionen in der Familie,
  • Interventionen in Kindergarten oder Schule,
  • eine Verhaltenstherapie mit dem Kind sowie
  • eine medikamentöse Behandlung.

Die Beratung beinhaltet die Aufklärung und Informationsvermittlung zu hyperkinetischen Verhaltensauffälligkeiten sowie pädagogische Hilfestellungen.

Was können Eltern tun?

Wenn Ihr Kind die Verhaltensauffälligkeiten in der Familie zeigt, ist es wichtig, etwas zu unternehmen und Veränderungen zu bewirken. Dies können Sie entweder selbst in die Hand nehmen oder sich von einem Arzt oder Psychologen dabei helfen lassen. Für den Umgang mit ihrem Kind gibt es ein paar Grundprinzipien, die Sie beachten sollten.

Grundprinzipien:

  • Stärken Sie die positive Beziehung zu ihrem Kind!
  • Stellen Sie klare Regeln auf!
  • Loben Sie Ihr Kind!
  • Seien Sie konsequent!
  • Versuchen Sie Probleme vorherzusehen!

Durch die Probleme mit dem Kind ist die Beziehung zwischen den Eltern und dem Kind häufig so sehr belastet, dass das Positive kaum noch erkannt wird und der Ärger überwiegt. Bemühen Sie sich deshalb vermehrt auf das zu achten, was gut gelingt. Versuchen Sie Ihrem Kind häufig etwas Nettes zu sagen und ihm zu zeigen, worüber Sie sich freuen. Nehmen Sie sich immer wieder Zeit, mit ihrem Kind zu spielen oder Aktivitäten durchzuführen, die Sie gemeinsam als angenehm erleben. Regeln geben Ihrem Kind Halt, Orientierung und Sicherheit. Stellen Sie wichtige Familienregeln auf, die sie konsequent anwenden. Achten Sie darauf, dass es nicht zu viele Regeln sind und sorgen sie dafür, dass sie eingehalten werden. Wenn Ihr Kind etwas gut gemacht hat und sich an die Regeln hält loben Sie es. Zusätzlich zum Lob bei Einhaltung der Regeln, können Sie auf Regelverletzungen negative Konsequenzen folgen lassen. Dies müssen keine harten Strafen sein, viel wichtiger ist, dass die Konsequenzen immer und möglichst unmittelbar auf das Problemverhalten folgen. Gerade bei einem Kind mit geistiger Behinderung ist die zeitliche Nähe von Verhalten und folgender positiver oder negativer Konsequenz besonders wichtig, damit das Kind den Zusammenhang versteht. Als Eltern wissen Sie, welche Situationen mit Ihrem Kind häufig problematisch sind. Versuchen Sie vor solchen Situationen mit Ihrem Kind darüber zu sprechen und erinnern Sie es an die Regeln für diese Situation. Sie können mit ihm auch eine Belohnung verein-baren, wenn es sich in an diese Regeln hält.

Was können Lehrer tun?

Lehrer haben oft ähnliche Probleme mit Ihrem Kind, besonders weil sie von ihm Verhalten einfordern müssen, das ihm besonders schwer fällt, nämlich über eine längere Zeit an seinem Platz sitzen zu bleiben. Auch für den Lehrer ist es wichtig, dass er eine positive Beziehung zum Kind hat. Daher sollte er beachten, dass er die positiven Aspekte des Verhaltens des Kindes nicht aus den Augen verliert und es lobt. Er sollte überprüfen, ob das Kind in der Klasse einen günstigen Sitzplatz hat. Am besten ist es, wenn Ihr Kind relativ weit vorne in der Klasse, nahe beim Lehrer sitzt. Der Tisch sollte möglichst nicht am Fenster stehen, da dies zu weiteren Ablenkungen des Kindes führen kann. Es erleichtert ihrem Kind die Mitarbeit, wenn der Unterricht möglichst strukturiert verläuft und ausreichend Abwechslung bietet. Darüber hinaus ist es auch in der Schule von Bedeutung, klare Regeln aufzustellen und ihre Einhaltung konsequent zu überprüfen.

Was können Psychotherapeuten tun?

Wenn die Probleme Ihres Kindes sehr stark sind und sie mit eigenen Maßnahmen zur Verbesserung keinen Erfolg hatten, sollten Sie die professionelle Hilfe eines Psychotherapeuten in Anspruch nehmen. Dieser wird dann gemeinsam mit Ihnen überlegen, wie Sie mit den Verhaltensproblemen Ihres Kindes besser umgehen können. In dieser Therapie wird der Therapeut nicht nur mit Ihrem Kind arbeiten wollen, sondern er wird auch Sie sehr intensiv in die Arbeit einbeziehen. Er wird mit Ihnen und Ihrem Kind erarbeiten wie Sie z.B. die obengenannten allgemeinen Prinzipien auf Ihre spezielle Situation und die speziellen Probleme anwenden können. Es gibt eine Reihe von Therapieprogrammen, die auf hyperkinetisches Verhalten spezialisiert sind. Leider sind diese Programme in der Regel für Kinder ohne eine Intelligenzminderung entwickelt worden. Sie können jedoch an die speziellen Bedürfnisse eines Kindes mit geistiger Behinderung angepasst werden. Dabei sollten vom Therapeuten und Ihnen mehrere Aspekte betrachtet werden. Die folgenden Prüffragen bezüglich des Therapieprogramms geben dazu Anleitung.

Prüffragen “Programm”:

  • Sind die kognitiven Elemente des Programms für Ihr Kind geeignet?
  • Findet eine umfassende Diagnostik mit einer Verhaltensanalyse statt?
  • Wird der Erfolg der Therapie in regelmäßigen Abständen kontrolliert?
  • Können die Inhalte des Programms in sehr kleinen Schritten erarbeitet werden?
  • Ist das Programm für die kommunikativen Fähigkeiten Ihres Kindes geeignet?
  • Wird der Aufbau von erwünschtem Verhalten berücksichtigt?
  • Wird mit Ihnen besprochen, wie die in der Therapie erlernten Verhaltensweisen auch in verschiedenen neuen Situationen angewendet werden können?
  • Wird nur mit Belohnungen oder auch mit leichten Bestrafungen gearbeitet?
  • Werden die Belohnungen und das Lob sorgfältig, mit Rücksicht auf die Bedürfnisse Ihres Kindes, ausgewählt?

Zusätzlich zu diesen Fragen sollten Sie folgende Punkte mit dem Therapeuten besprechen:

Prüffragen “Zusammenarbeit”:

  • Wird ein Schwerpunkt auf die Zusammenarbeit mit Ihnen gelegt?
  • Wird ausreichend auf ihre Wünsche und Vorstellungen eingegangen?
  • Fühlen Sie sich für den Umgang mit Ihrem Kind gut angeleitet?

Können Medikamente helfen?

Eine medikamentöse Behandlung kann eine wichtige Ergänzung der anderen Behandlungsformen sein. Bei sehr stark hyperaktiven Kindern, können Medikamente sogar eine Voraussetzung für das Gelingen der anderen Ansätze sein. Das Medikament, das am häufigsten eingesetzt wird, heißt Ritalin. Es handelt sich dabei nicht, wie man annehmen könnte, um ein Beruhigungsmittel, sondern um ein Mittel mit anregender Wirkung. Es gehört in die Gruppe der Psychostimulanzien. Durch die Medikamente wird die Konzentrationsfähigkeit verbessert und das hyperkinetische und impulsive Verhalten des Kindes nimmt ab. Die Wirkung von Medikamenten hält allerdings nur so lange an, wie sie gegeben werden. Es sind also nach Absetzen des Medikaments keine Langzeitwirkungen zu erwarten, diese sind nur durch psychotherapeutische Maßnahmen zu erzielen. Grundsätzlich werden die Psychostimulanzien als gut verträglich eingestuft und auftretende Nebenwirkungen wie z. B Schlafstörungen und Appetitlosigkeit lassen sich leicht beherrschen. Dies gilt auch für Kinder mit geistiger Behinderung. Jedoch treten bei ihnen Nebenwirkungen möglicherweise stärker auf. Darüber hinaus kann es erforderlich sein, mit höheren Dosierungen als bei normalbegabten Kindern zu arbeiten. Vielfach wird die Sorge geäußert, dass Kinder von Psychostimulantien süchtig werden könnten. Es ist jedoch kein einziger Fall bekannt, bei dem ein Kind, das wegen hyperkinetischen Verhaltens mit Ritalin behandelt wurde, davon abhängig geworden wäre. Vielmehr ist umgekehrt bekannt, dass unbehandelte hyperaktive Kinder ein höheres Risiko tragen, drogenabhängig zu werden.

Werden Sie aktiv, um sich und Ihrem Kind zu helfen!