Dysgrammatismus

Inhaltsverzeichnis:

Die normale Entwicklung der Kindersprache vom 1. bis zum 3. Lebensjahr

Beschreibung des Dysgrammatismus

Die Formen von Dysgrammatismus

Ursachen der dysgrammatischen Störung

Diagnosemöglichkeiten

Behandlung und Förderung dysgrammatischer Kinder

Die normale Entwicklung der Kindersprache vom 1. bis zum 3. Lebensjahr

Wirft man einen Blick auf die Sprachentwicklung des normalen Kindes, so treten die ersten Sprachleistungen des Kindes gewöhnlich um oder nach Vollendung des 1. Lebensjahres auf. Bis dahin hat das Kind schon eine Reihe von Vorübungen hinter sich, die ihm die Fähigkeit verleihen, mit dem eigentlichen Sprechen zu beginnen. Es kommt an die Sprache von drei Seiten heran: Vom Lallen, vom sinnlosen Nachahmen und vom sprachlosen Verstehen. Der Übergang zum Spontansprechen vollzieht sich ab Ende des 1. bis Anfang des 2. Lebensjahres. Um die Mitte des 2. Lebensjahres beginnt das Kind mit dem Sprechen von Mehrwortsätzen. Die ersten dieser Sätze bestehen zunächst nur aus zwei Gliedern, die in einem erkennbaren logischen Zusammenhang stehen, aber biegungslos sind. Wenn dann die Fähigkeit des Zusammensetzens und Hintereinader-Abrollens zweier Wörter einmal erworben ist, dann gibt es für die Verbindung mehrerer Glieder keine Schwierigkeiten mehr. Aber die Form der Sätze bleibt zunächst noch dysgrammatisch. Die einzelnen Satzglieder haben keinen anderen Zusammenhang als den der Reihe, des Nacheinanderseins. Gedanklich gehören sie aber zusammen. Durch die nun rasch ansteigende Wortzahl wird es für das Kind immer schwieriger die einzelnen Bestandteile seiner Rede in die richtige Ordnung zu bringen und den logischen Zusammenhang zu wahren. Der größere Reichtum des sprachlichen Geschehens wirkt mit, dass das Kind aus dem Stadion der biegungslosen Satzkette herausstrebt. Es kommt nun zu einer reicheren Gliederung des Gedankeninhalts und wird hiermit reif für die reiche und differenzierte Sprachgliederung. Indirekte Fragesätze, Temporalsätze und Relativsätze machen den Anfang, bald aber folgen jene Nebensätze, welche die logische Beziehung von Grund und Folge und von Mittel und Zweck darstellen. Zuletzt stellen sich die Wortklassen ein, durch welche Merkmale und Beziehungen ausgedrückt werden: Adjektiv, Adverb, Pronomen, usw. Zusammenfassend lässt sich feststellen: In der Sprachentwicklung des Kindes gibt es einen längeren Zeitraum, in dem das Kind dysgrammatisch spricht. Er beginnt mit dem ersten spontan gesprochenen Wort und endet mit dem Gebrauch aller Wortarten. Dieses Ziel soll vom Kind noch vor Abschluss des 3. Lebensjahres erreicht werden.

Beschreibung des Dysgrammatismus

Dysgrammatismus bedeutet wörtlich übersetzt soviel wie “schlechter Grammatismus” (Dys. = abweichend, übel, schlecht). Man versteht darunter die fehlerhafte Anwendung grammatikalischer Regeln bei der Bildung von Sätzen und der Beugung von Wörtern. Dies zeigt sich vor allem in:

  • unvollständigen Sätzen/Wörtern; Satzteile werden einfach ausgelassen
  • verdrehte Satzteile
  • falsche bzw. fehlende Formen
  • falsche Verwendung von Artikeln, Fällen, Beugung

Beispiele:

  • “Ich Bub bin.”
  • “Ball Straße rollt.”
  • “Papa heim gekommt.”
  • ”...die Igels.”

G. Knura bezeichnet als Dysgrammatismus “die Unfähigkeit das morphologische und syntaktische Regelsystem der Muttersprache altergerecht zu erwerben und/oder zu gebrauchen”.

In den letzten Jahren wurden folgende Kriterien herausgearbeitet, die das Phänomen des Dysgrammatismus eingrenzen:

  • erhebliche Verzögerung des Spracherwerbs
  • Beeinträchtigung des Erwerbs und des Gebrauchs sprachlich strukturellen Wissens
  • durchschnittliche intellektuelle Leistungsfähigkeit
  • unauffällige hirnorganische Entwicklung
  • ausreichend periphere Hörfähigkeit

Bei Dysgrammatismus handelt es sich nicht um ein rein sprachliches Phänomen, um ein isoliertes und eng begrenztes Störungsbild auf der grammatikalischen Ebene, das ausschließlich den Grammatikerwerb betrifft, sondern um eine qualitativ strukturelle Sprachentwicklungsauffälligkeit, von der auch andere sprachliche Ebenen und weitere Entwicklungsbereiche betroffen sind. Dysgrammatismus liegt dann vor, wenn der Spracherwerb deutlich verzögert erfolgt und zeitlich langsamer, auch mühsamer und schwerfälliger verläuft als bei normal sprechenden Kindern. Häufig findet man bei dysgrammatisch sprechenden Kindern zusätzlich Konzentrations- und Aufmerksamkeitsschwierigkeiten, Symptome der Hyperaktivität, eingeschränkte Merkspanne und Speicherfähigkeit, sowie eine schwach entwickelte Redefreudigkeit.

Die Formen von Dysgrammatismus

Je nach Schweregrad werden drei Formen des Dysgrammatismus unterschieden:

Auf der untersten Stufe können die Kinder Sätze weder von selbst bilden noch nachsprechen. Die zusammenhanglos aneinander gereihten Ausrufungsformen entsprechen den frühesten Stufen der normalen Sprachentwicklung und sind daher nur durch begleitende Gebärden, durch den Tonfall oder aus der Situation verständlich. Die Sprache beschränkt sich meist auf den Einwortsatz”, wenn auch gelegentlich Aneinanderreihungen von zwei oder mehreren Wörtern vorkommen. Der Ausdruck ist noch sehr dürftig, sodass bei diesen sprachlichen Äußerungen mehrere Deutungen möglich sind.

Auf der mittleren Stufe ist das Kind bereits imstande, kleine Sätze richtig oder mit nur geringen grammatikalischen Fehlern nachzusprechen. Die Spontansprache ist aber noch durchaus biegungslos. Der Gebrauch der Zeitwörter erfolgt ausschließlich in der Nennform.

Die dritte Stufe ist dadurch gekennzeichnet, dass das Kind kurze Sätze fehlerlos nachspricht. nur bei größeren Sätzen ist das Nachsprechen gestört. Die Spontansprache ist noch mit zahlreichen falschen Redewendungen durchsetzt, Wortverwechslungen und falscher Satzbau sind noch häufig.

Ursachen der dysgrammatischen Störung

Die Ursachenfrage hinsichtlich des Dysgrammatismus ist bis heute noch weitgehend ungeklärt. Es gibt eine Fülle von hypothetischen Konstrukten und Konzepten, die zu erklären versuchen, in welcher Weise sich kognitive, emotionale, sensorische, motorische und/oder sprachliche Defizite gegenseitig bedingen können. Im Folgenden sollen zwei Erklärungsansätze kurz aufgeführt werden:

CROMER (1978): Dysgrammatismus ist die Folge

  • eines spezifischen Defizits der auditiven Wahrnehmung
  • einer Schwäche der auditiven Speichersysteme
  • einer Schwäche der rhythmisch-melodischen Fähigkeiten
  • einer spezifischen sprachlichen Systemschwäche

HOMBURG (1981): Dysgrammatismus ist die Folge

  • einer Retardierung in der Entwicklung kognitiver Strukturen und Verarbeitungsstrategien
  • eines spezifischen Lernrückstandes
  • eines zeitlich verzögerten Ablaufs des Regelerwerbs

Diagnosemöglichkeiten

Je früher die Störung erkannt wird, umso besser ist es. Als optimales Alter wird bereits drei Jahre angegeben. Damit erspart man dem Kind möglicherweise geistige und seelische Schäden und eine eventuelle Zurückstellung in der Schuleingangsphase. Eine Behandlung von Dysgrammatismus darf sich jedoch nicht nur auf den Sprachfehler an sich beschränken, sondern muss in der Therapie die ganze Persönlichkeit erfassen. Ist das Kind bereits in der Schule gilt es zusätzlich zusammen mit den Lehrern eine Art Grobdiagnostiken zu erschließen:

Phase der Erhebung

Spontansprachliche Äußerungen werden beim Spielen in den Pausen und beim Erzählen während des Unterrichts durch Tonband erfasst (zwei Aufnahmen von 3-5 Min.).

Phase des Abhörens

Die Äußerungen des Kindes werden mehrfach abgehört und Anmerkungen dazu geschrieben. Das richtige “hören” hierfür muss vom Lehrer gut trainiert werden.

Phase der Quantifizierung

Sprachliche Auffälligkeiten werden notiert und die Anzahl der Äußerungen festgehalten.

Phase der Analyse

Einordnung der sprachliche Äußerungen in einen grammatischen Beobachtungsbogen.

Phase der Interpretation

Leitfragen hierfür:

  • Wo liegen die grammatikalischen Defizite?
  • Welcher Entwicklungsstand des Kindes liegt vor?
  • Welche Fehlerschwerpunkte sind zu erkennen?

Phase der Förderung

  • Welches sind erreichbare Entwicklungsschritte?
  • Welches Fördermaterial?
  • Welcher Förderunterricht?

Behandlung und Förderung dysgrammatischer Kinder

Eine Behandlung von Dysgrammatismus darf sich nicht alleine auf den Sprachfehler an sich beschränken, sondern muss in der Therapie die ganze Persönlichkeit und zwar individuell auf das jeweilige abgestimmt, erfassen. Die jeweilige Behandlung sollte vier Bereiche beinhalten:

  • Sprachausbau: – Spiele und Übungen zum Worterwerb sind der traditionelle Grundstock der Behandlung. Die dabei am häufigsten angewandte Methode ist das Nachsprechen, die Imitation, wobei die Problematik in den nachzusprechenden Sätzen liegt. Das Kind kann nur jene Sätze nachsprechen, die seinen grammatikalischen Fähigkeiten entsprechen. Bei der expandierenden Imitation sind die Sätze kurz genug, damit sie sich das Kind merken kann, aber etwas schwieriger als die schon gelernten. Sie sollen den Dysgrammatiker zu einer Schemabildung anregen. Der Sonderpädagoge wiederholt die Sätze und berichtigt sie dabei. Wird ohne Imitation erweitert spricht man von Analogiesätzen. Eine vorgegebene Satzstruktur wird wiederholt geübt, dann nach und nach verändert. Um Modellsätze entsprechend festigen zu können bedient man sich auch der Methode der Häufigkeit der Darbietung. Dysgrammatiker bedürfen einer hohen Wiederholungszahl. Führt man das Gespräch mit dem Dysgrammatiker weiter, spricht man von Modeling. Der Lehrer liefert völlig neue Informationen und Sätze. Dabei ist wichtig, dass auf die gestellten Fragen nicht nur mit ja und nein geantwortet wird. Die richtige Auswahl der Satzbaumuster ist für die Behandlung von großer Bedeutung.
  • Wahrnehmungstraining: – Dysgrammatiker weisen in akustischer, visueller und taktiler Hinsicht erhebliche Entwicklungsrückstände auf. Um diese zu beheben gibt es einige Trainingsvorschläge. Das Training der visuellen Perzeption, das sowohl das Frostig-Therapieprogramm, als auch das Montesori-Übungsprogramm beinhalten, eignet sich zum Einsatz in der Dysgrammtikbehandlung. Zusätzlich eignen sich die meisten Brettspiele, wie auch bildnerische Techniken. Das Training der auditiven Perzeption umfasst Übungen zur Differenzierung von Tonhöhe, Tonstärke, Tonrichtung und Klangfarbe (z. B. Orffinstrumente). Bei der Sprachgedächtnisübung werden die Gedächtnisspanne, das Wortfolgegedächtnis und das Gedächtnis für Betonung und Rhythmus geschult. Die Übertragung von Sprachbildern in verschiedene Sinnesbereiche ist der Hauptschwerpunkt. Dies geschieht mit Hilfe auditiver, akustischer und motorischer Gedächtnisübungen.
  • Bewegungserziehung und musikalisch-rhythmische Erziehung: – Musik und Sprache haben vieles gemeinsam. Die Bewegungserziehung dient der Sprachaktivierung. Die spezielle Rhythmik leistet insofern ihren Beitrag, als sie Strukturgesetzlichkeiten des Satzbaus an Körperbewegung bindet. Z. B. Nachahmen von Tieren, Grimmassieren, Schattenboxen. Psychische Hemmungen, Ängste oder Aggressionen werden dabei abgebaut. Wortschatz und Wortbedeutung werden erweitert und vertieft. Grammatikalische und syntaktische Gesetzmäßigkeiten werden gefestigt. Mit Hilfe rhythmischer Unterstützung soll das Sprechen von Sätzen erreicht werden. Durch Einsatz von Körperinstrumenten (z. B. Tamburin) wird Sprache rhythmisiert, bis am Ende nur mehr das rhythmische Sprechen bleibt. Die Bewegung tritt immer mehr in den Hindergrund.
  • Sozialerziehung: – Sprache ist Kommunikation und würde ohne Gemeinschaft ihre natürliche Motivation verlieren. Sozialübungen zielen auf die Kontaktschwierigkeiten von Dysgrammatikern ab. Mangelnde Zuwendung der Eltern ist nur ein möglicher Grund für Kontaktstörungen. Insuffizienzgefühle oder Unsicherheitsmerkmale stellt man ebenso häufig fest, wie mangelnde soziale Anpassung als Zeichen einer gestörten Umweltbeziehung. Vor allem die Rolle des Spiels in der Sprachförderung ist umstritten. Gemeint ist jedoch mehr als nur das bloße Durchführen von Spielen. Neues sprachliches Verhalten soll angebahnt werden. Im Vordergrund steht nicht das vorantreiben der Behandlung, sondern ein in kleinen Schritten gesteuerter stufenweiser Prozess.

In der Schule sollten dysgrammatisch sprechende Kinder nicht nur im Deutschunterricht, sondern in allen Fächern in sprachlich-kommunikativen Situationen gefördert werden. Es sollte unbedingt davon abgesehen werden, das Kind vorgegebene Satzmuster zwangsmäßig und stur einüben zu lassen. Stattdessen sollte der Lehrer dem Kind ein nachahmenswertes Sprachmodell sein. So baut das Kind die in natürlichen Kommunikationssituationen gelernten sprachlichen Strukturen nach und nach in sein alltägliches sprachlich-strukturelles Repertoire mit ein. Wichtig hierbei ist, dass diese Art der sprachlichen Förderung in die spontane Kommunikation integriert wird. Der Schüler soll so auf indirekte Weise sprachlich gefördert werden. Z. B. das Kind zeigt eine Schachtel und sagt: “leer”. Der Lehrer antwortet darauf: “ja, die Schachtel ist leer”.

Quellen:

  • M. Führing, O. Lettmeyer, W. Elstner, H. Lang: Die Sprachfehler des Kindes und Ihre Beseitigung, Wien 1992
  • B. Fendrich: Sprachauffälligkeiten im Vorschulalter, Wien 2000
  • H. Günther: Sprachauffällige Kinder in der Grundschule, Klett-Verlag
  • I. Füssenich, B. Gläß: Dysgrammatismus, Heidelberg 1985/87