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Autor des Artikels

Oliver Jäger (Dipl. Sozialarbeiter i. A.)

E-Mail: oliver.jaeger@kinderschutzbund-nuernberg.de

Deutscher Kinderschutzbund Kreisverband Nürnberg e. V.
Webseite: http://www.kinderschutzbund-nuernberg.de

Sexualität und Behinderung

Sexualität ist etwas, was zum Leben dazu gehört. Sie begegnet uns von frühester Kindheit an und bleibt ein Leben lang erhalten.
Auch Menschen mit einer Behinderung haben von Geburt an eine eigene Sexualität, auch wenn ihnen dies häufig noch aberkannt wird. Probleme, wie z. B, dass sich das Kind in der Öffentlichkeit die Hose runter zieht, können entstehen, wenn Themen wie Sexualität, Liebe, Partnerschaft und Sex gar nicht oder nur unzureichend zur Sprache kommen, die Aufklärung vernachlässigt wird und Grenzen zu locker gehalten werden.
Widmen wir uns aber erst einmal dem Begriff der Sexualität.

Was ist Sexualität?

Der Begriff “Sexualität” bedeutet sinngemäß nichts weiter als “Geschlechtlichkeit”(daher engl. sex) und definiert in erster Linie nichts anderes als unser Geschlecht. Weiterhin ist die Sexualität für die Fortpflanzung bei allen Lebewesen (Menschen, Tiere, Pflanzen) zuständig.
Für den Menschen und einigen anderen Lebewesen ist jedoch auch die weitere Bedeutung der Sexualität, bezogen auf Verhaltensweisen, Empfindungen und dem Zusammenleben von zwei oder mehreren Individuen oder Gruppen ebenso von Bedeutung.

Sexualität im Kindesalter

Untersuchungen haben ergeben, dass bereits während der Schwangerschaft die ungeborenen Kinder bereits sinnliche Erfahrungen machen, z. B. durch lutschen am Daumen oder der Kontakt mit dem warmen Fruchtwasser.
Direkt nach der Geburt erleben Säuglinge viele sogenannte Lustgewinne über den Mundraum. Dabei spricht man auch von der “Oralen Phase”. Dies geschieht durch das Stillen, durch den Schnuller und später durch die Wahrnehmung von Sachen, indem sie diese in den Mund stecken. Auch über die Haut werden durch z. B. Streicheln positive sinnliche Erfahrungen gemacht, jedoch auch negative wie Schmerzen.
Ab dem Zeitpunkt, an dem Säuglinge ihre Bewegungen steuern können, gehört die Erforschung des eigenen Körpers dazu. Das “rumspielen” an den Genitalien empfinden bereits Kleinkinder als lustvoll und gehört zu sexuellen Entwicklung dazu. Auch die Doktorspiele unter Kindern gehören zur gesunden Entwicklung. Jedoch sollten diese nur unter bestimmten Regeln stattfinden. Diese, manchmal auch gegenseitigen, Erfahrungen, sind ein wichtiger Bestandteil unserer Geschlechtsidentität und psychosexuellen Entwicklung.

Sexualität im beginnenden Jugendalter

Für die Eltern bedeutet die Zeit der Pubertät oft, dass schwere Zeiten auf sie zukommen. Es gibt Streit, die Kinder “zicken” rum, vernachlässigen Hausarbeit und Schule, haben keinen Bock, rebellieren, betrinken sich, wollen bei der Freundin/dem Freund übernachten, kommen zu spät nach Hause, usw.
Aber warum verhält sich das Kind so?
Bei Mädchen stellt sich ab ca. 10 Jahren der Hormonhaushalt um. Jungen sind ein wenig später dran. Was sich in dieser Zeit vom Körperlichen beim Menschen ändert, sollte bekannt sein. Innerlich stecken die Kinder in einem Hin und Her. Auf der einen Seite werden sie erwachsen und wollen auch so behandelt werden. Sie möchten ihre Freiheiten, ein Mitbestimmungsrecht und äußerlich wie Erwachsene wirken. Auf der anderen Seite möchten sie ihr Zuhause nicht verlieren und die Geborgenheit und Nähe zur Familie halten. Aus dem Zwiespalt kommt es dadurch häufig zu Konflikten mit den Eltern, die sich in der Regel nach paar Tagen wieder legen.
Auch sexuell gesehen machen die Kinder einen riesigen Sprung. Mädchen werden zu Frauen und können eigene Kinder bekommen. Jungen werden zu Männern und können ebenfalls Kinder zeugen. Auch die klassischen Rollenverteilungen werden durch z. B. Berufswahl und Freizeit deutlicher.
Während der Pubertät probieren Kinder vermehrt ihre Freiheiten und Grenzen aus. Sie fordern mehr Freiräume ein, indem sie zum Beispiel auch mal die Türe abschließen oder nicht mehr überall hin mit ihren Eltern mitgehen wollen. Auch das gegenseitige Interesse zwischen Männern und Frauen rückt nun vermehrt in den Vordergrund und ist für die sexuelle Entwicklung wichtig. So werden die ersten “Schmetterlinge im Bauch” losgelassen und der erste Kuss ist auch nicht mehr fern.

Behinderung und Sexualität – ein Tabu

Aussagen wie “Sexualität? Hat mein Kind nicht.” sind bei Eltern von Kindern mit Behinderungen mittlerweile nicht mehr so häufig wie vor etwas 20 Jahren, aber es gibt sie weiterhin. Viele betroffene Eltern haben ihre Denkweise geändert, werden allerdings immer noch von gesellschaftlichen Meinungen beeinflusst. Und die allgemeinen Vorstellungen gehen heute leider noch meistens in die Richtung des “triebgesteuerten geistig Behinderten”, dem “asexuellen Wesen” oder dem “Lüstling”, der sich nicht unter Kontrolle hat.

Wieso ist dieses Thema so schwierig? Ein kurzer Erklärungsansatz.

Bis zur heutigen Elterngeneration sind Menschen im Schnitt eher schlecht aufgeklärt worden. In den Schulen begann die Aufklärung erst in den späten 60er Jahren und Zuhause war es ein absolutes Tabu. Damals holte man sich die Informationen aus dem Freundeskreis. Dies geschieht auch heute noch. Die meiste “Aufklärungsarbeit” passiert durch Gleichgesinnte. Die Aufklärung in den Schulen ist eher funktional ausgerichtet und Zuhause ist es “geduldet” aber eher unbeliebt. So ist es bei Behinderten und Nichtbehinderten ein schwieriges Thema, das noch viel Zeit und Arbeit bedarf.
Bei Menschen mit Behinderungen ist die Aufklärungsarbeit meistens sehr schlecht. Erschwerend dazu kommt, dass einige Eltern ihr Kind gut behüten. Manchmal so gut, dass sie alle Dinge, die “Probleme” verursachen könnten bewusst von ihren Kindern fernhalten. Dazu gehört auch immer wieder das Thema Erwachsen werden, Sexualität und die damit verbundene Aufklärung. Diese Themen bedeuten für einige Eltern zusätzliche Probleme, die nicht sein müssen. Somit versuchen sie den Sexualtrieb und das Erwachsenwerden zu “verhindern”. Und dabei kommt es zu Problemen, die sich meistens schädigend auf die psychische Entwicklung des Kindes auswirken. Wie bereits erwähnt: Sexualität gehört zum Leben dazu und kann nicht vermieden werden. Man kann aber lernen richtig damit umzugehen.
Auch die Aufklärung unter Gleichgesinnten ist bei Menschen mit Behinderungen fast unmöglich. Wie soll man sich gegenseitig helfen, wenn alle denselben schlechten Aufklärungsstand haben? Des Weiteren wird Menschen mit Behinderungen durch die institutionelle Anbindung gar keine Möglichkeit gegeben sich zurückzuziehen und sich über intime Sachen auszutauschen.
Das Bild, welches viele Menschen mit Behinderungen haben, kommt aus den Medien. Dies ist ein total irreführendes und falsches Bild. Die Sexualität in Fernsehen, Zeitschriften und Radio reduziert sich meist auf erotische Phantasien und Sexualität im Sinne von Geschlechtsverkehr. Zudem vermitteln die Medien sehr oft ein sexistisches und frauenfeindliches Bild. Also genau die falsche Art von Aufklärung.
Dies sind nicht alle Gründe, aber sicherlich die, wodurch die meisten Probleme entstehen.

Sexuelle Entwicklung bei Menschen mit Behinderungen

Bei der sexuellen Entwicklung von Menschen mit und ohne Behinderungen gibt es im Wesentlichen keinen großen Unterschied. Es sollte hierbei allerdings von der körperlichen und kognitiven, also geistigen Entwicklung unterschieden werden.
Die körperliche Entwicklung von Kindern mit Behinderungen läuft während der Pubertät nahezu identisch mit der von nichtbehinderten Kindern ab. Die Pubertät setzt im Schnitt bei Menschen mit Behinderungen jedoch ein wenig später ein. Es gibt zudem einige Behinderungsarten, bei der die Entwicklung sehr stark verzögert abläuft oder bei denen es bei den inneren und äußeren Geschlechtsorganen zu Fehlbildungen kommen kann. Dazu gehören unter anderem das Prader-Willi-Syndrom, das Klinefelter-Syndrom und Trisomie 9. Weiterhin können körperliche Beeinträchtigungen wie Spastiken oder Muskelschwächen die psychosexuelle Entwicklung, wie am Daumen lutschen oder seinen Körper abtasten, zum Teil stark beeinträchtigen.
Die eigentlichen Probleme in der sexuellen Entwicklung entstehen dadurch, dass der Stand der geistigen und körperlichen Entwicklung oft weit auseinander geht. So ist das Kind z. B. körperlich schon oft ein erwachsener Mann oder eine erwachsene Frau, die geistige Entwicklung hängt allerdings noch viele Jahre zurück. Dadurch verstehen Kinder oder Jugendliche nicht, warum Mama anders aussieht als Papa, warum sich ihr eigener Körper verändert oder wie das mit dem Kinderbekommen richtig funktioniert. Sie nehmen solche Dinge war, verstehen sie aber oft nicht. Daher ist eine frühe und regelmäßige Aufklärung sehr wichtig. Wie soll ein Kind wissen was mit ihm passiert, wenn man es ihm nicht erklärt?

Sexualerziehung bei Kindern mit Behinderung

Zuerst sollte man sich eingestehen, dass die Sexualität seines Kindes etwas ist, was auf jeden Fall auf einen zukommen wird. Auch die eigene Rolle als Aufklärer sollte man sich bewusst machen. Wenn einem das Thema unangenehm ist oder man nie richtig aufgeklärt worden ist, sollte man sich Hilfe holen oder jemanden anderen aus der Familie die Aufklärung überlassen. Es gibt mittlerweile sehr viel Literatur über Aufklärungsarbeit und Sexualerziehung. Auch speziell für Mädchen und Jungen mit Behinderungen. Weiterhin gibt es Hilfs- und Beratungsstellen, bei denen man sich Rat holen kann.
Die Aufklärung von Kindern spielt eine wichtige Rolle, man sollte sicherstellen, dass die Kinder rechtzeitig eine Antwort auf ihre Fragen bekommen. Das gilt für Kinder ohne und mit Behinderungen gleichermaßen.
Im Alter von zwei bis drei Jahren nehmen Kinder wahr, dass zwischen Mama und Papa ein Unterschied besteht. Ab dem vierten, bzw. fünften Lebensjahr interessieren sie sich aktiv dafür und stellen dazu Fragen. Auch Kinder mit Behinderungen nehmen dies, wenn auch verzögert, wahr und zeigen daran Interesse.
Klären sie ihr Kind also frühzeitig auf. In der heutigen Zeit findet zwar Aufklärung statt, meistens aber viel zu spät. Dies betrifft auch die Behindertenhilfe, also Schulen, Tagesstätten, Wohnheime. Aufklärung muss geschehen, bevor ein Kind erwachsen wird und sich aktiv für Dinge wie Liebe, Sex, Verhütung interessiert.
Sprechen sie offen mit ihrem Kind und beantworten sie seine Fragen. Kinder fragen viel und interessieren sich ohne Scheu für Dinge im Leben, auch der eigenen Sexualität. Und wenn sie mal keine Antwort parat haben, nehmen sie sich die Zeit und gucken sie mit ihrem Kind im Internet nach oder auf die klassische Art in der Bibliothek. Auch wenn sie sich unsicher sind, wie man richtig Aufklärt und was die richtigen Themen sind, können sie sich bei Beratungsstellen Rat und Hilfe holen. Diese Stellen haben oft Bücher, Material und Tipps die sie sich mitnehmen können.

  • Deutscher Kinderschutzbund
    Hier finden Sie ausführliche Literatur zu Themen wie Sexualität und sexuelle Gewalt bei Menschen mit Behinderungen und Sie können sich auch persönlich beraten lassen.
    www.kinderschutzbund-nuernberg.de
  • ProFamilia
    Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung e.V. Bundesverband. Hier kann man sich Beraten lassen und zudem hat die ProFamilia sehr gutes Informationsmaterial. Es gibt auch in fast jeder größeren Stadt eine Vertretung.
    www.profamila.de
  • Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA)
    Hier gibt es viel Informations- und Aufklärungsmaterial, das man sich meist kostenlos bestellen kann.
    www.bzga.de

Literatur zum Thema

  • Achilles, Ilse: “Was macht ihr Sohn denn da?” Geistige Behinderung und Sexualität. Ernst Reinhardt Verlag 2005, 4. Auflage.
  • Boßbach; Raffauf; Dürr: Mama wie bin ich in deinen Bauch gekommen?, Vorlesebuch für Kinder, Weltbild 1998.
  • Cole: Mami hat ein Ei gelegt! Verlag Sauerländer 1995.
  • Körperbehindertenförderung Neckar-Alb (Hrsg.): Sexualität und Behinderung; Umgang mit einem Tabu. Attempto Verlag Tübingen 2000, 2. Auflage.
  • Müller; Geisler: Ganz schön aufgeklärt!, Loewe Verlag 1996.
  • Sanders, Pete; Swinden, Liz: Lieben, lernen, lachen: Sozial- und Sexualerziehung für 6- bis 12-Jährige. Verlag an der Ruhr 2006.