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Autor des Artikels

Julijana Fortunato

E-Mail: julia.fortunato@yahoo.de

Sonderschullehrerin

Universität Würzburg

Mutismus

Gliederung

  1. Begriffsbestimmung
  2. Definitionen
    1. Allgemeine Definition für Mutismus
    2. Definition nach der ICD-10
    3. Definition totaler Mutismus
    1. Definition elektiver Mutismus
    2. Symptomatik/Erscheinungsbild
    3. Entwicklungsverlauf
    1. Psychische Konstitution bei Mutisten
    2. Diagnose und Therapie
    3. Die Rolle der Eltern
    1. Hilfe und Kontakte
  1. Weiterführende Lektüre und Internetseiten

    Begriffsbestimmung

    Im Allgemeinen muss zwischen totalem Mutismus und (s)elektivem/funktionalem Mutismus unterschieden werden. Der totale Mutismus tritt vor allem bei hirnorganischen Schädigungen und Psychosen auf. Der (s)elektive Mutismus wird als psychische Störung klassifiziert.

    Definitionen

    Allgemeine Definition für “Mutismus”

    -> lat. mutus: stumm
    Mutismus ist die Bezeichnung für ein seelisch bedingtes Nichtsprechen trotz völliger Funktionsfähigkeit der Sprechorgane und der Sprechmotorik. Die Ursachen des Mutismus sind vielfältig und noch wenig erforscht. Mutismus kann als Folge von Gehörlosigkeit (Taubstummheit) oder von Hirnverletzungen auftreten, aber auch als psychotisches oder neurotisches Begleitsymptom.

    Mutismus ist eine kommunikative Auffälligkeit, bei der Menschen trotz intakter Sprach-, Sprech- und Hörfunktionen dauerhaft schweigen.

    Es ist aber nicht nur ein persönliches, sondern auch ein gesellschaftliches Problem. Man meint damit, dass gesellschaftliche Konflikte und Fehlentwicklungen zu Ängsten und sozialen Entfremdungen führen können.

    Definition nach der ICD-10

    Die ICD-10 ist die “International Statistic Classification of Diseases and Related Health Problems”, eine internationale Klassifikation der “World Health Organisation” (WHO).

    Man findet Mutismus unter “V. Psychische Verhaltensstörungen” unter dem Bereich “F90 – F98, Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in der Kindheit und Jugend”.

    -> F.94.0+ : Danach gilt: “Elektiver Mutismus ist durch eine deutliche, emotional bedingte Selektivität des Sprechens charakterisiert, so dass das Kind in einigen Situationen spricht, in anderen definierbaren Situationen jedoch nicht. Diese Störung ist üblicherweise mit besonderen Persönlichkeitsmerkmalen wie Sozialangst, Rückzug, Empfindsamkeit oder Widerstand verbunden.”

    Definition totaler Mutismus

    “Der totale Mutismus ist eine nach vollzogenem Spracherwerb erfolgende völlige Verweigerung der Lautsprache bei erhaltenem Hör- und Sprachvermögen, d.h. es liegen keine peripher-impressiven oder peripher-expressiven organischen Störungen vor sowie keine zentralen Schädigungen der am Sprechvorgang beteiligten Sprachzentren und der Innervation. Eine direkte Ursache ist nicht bekannt. Es kommen hier sowohl psychologische Faktoren (Milieuschädigungen, neurotisierende Traumata und Konflikte u.a.) als auch somatische Faktoren (frühkindliche Hirnschädigung, Intelligenzdefizite, familiäre Disposition u.a.) in Frage, die zumeist in einer gegenseitigen Ergänzung zur Sprechverweigerung führen.” (Hartmann 1997)

    Definition elektiver Mutismus

    “Der elektive Mutismus ist eine nach vollzogenem Spracherwerb erfolgende Verweigerung der Lautsprache gegenüber einem bestimmten Personenkreis. Die Hör- und Sprechfähigkeit ist erhalten, d.h. es liegen keine peripher-impressiven oder peripher-expressiven organischen Störungen vor sowie keine zentralen Schädigungen der am Sprechvorgang beteiligten Sprachzentren und der Innervation. Eine direkte Ursache ist nicht bekannt. Es kommen hier sowohl psychologische Faktoren (Milieuschädigungen, neurotisierende Traumata und Konflikte u.a.) als auch somatische Faktoren (frühkindliche Hirnschädigungen, Intelligenzdefizite, familiäre Disposition u.a.) in Frage, die zumeist in einer gegenseitigen Ergänzung zur Sprechverweigerung führen.” (Hartmann 1997)

    Nach Böhme ist beim selektiven Mutismus das Schweigen “keinesfalls freiwillig, sondern Ausdruck und das Symptom einer reaktiven Sprechhemmung.”

    Symptomatik/Erscheinungsbild

    Die allgemeine Sprechverweigerung (totaler Mutismus) tritt meist plötzlich ein, wobei oft die schleichende Entwicklung nicht bemerkt wurde. Sie tritt in allen Sprechsituationen auf und bezieht sich auf alle anwesenden Personen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass das Kind nicht mehr kommuniziert, es nutzt nur andere Möglichkeiten sich mitzuteilen, wie z.B. Gestik, Mimik oder schriftliche Aufzeichnungen. Typisch sind auch das lautlose Lachen, Weinen und Husten. Gefährlich ist hierbei, dass die Kinder auch keinerlei Angst- und Schmerzlaute hervorbringen.

    Beim elektiven Mutismus schweigen die Kinder nur außerhalb ihres vertrauten Umfeldes. Mit ihren Eltern, Geschwistern und guten Freunden wird altersadäquat gesprochen. Vor allem gegenüber Erwachsenen und Fremden und in unbekannten Situationen ist es den Kindern unmöglich Laute zu bilden. Dieses elektive Schweigen tritt oft erstmalig beim “Sprechenmüssen” mit und vor fremden Personen auf (Kindergarten-/Schuleintritt). Dieses Phänomen zeigt deutlich, dass es sich hierbei um eine starke innere Ablehnung gegenüber einem bestimmten Personenkreis handelt.

    Entwicklungsverlauf

    Man unterscheidet zwischen dem “Frühmutismus” und dem “Spätmutismus”.
    Beim Frühmutismus verstummen die Kinder meist in Angstsituationen im Alter von drei bis vier Jahren. Aber auch altersspezifische Trotzneigungen können das Schweigen auslösen. Der Spätmutismus setzt häufig bei Fünf- bis Siebenjährigen ein und hängt meist mit der Einschulung zusammen. Das Kind wird Problemen ausgesetzt und muss die gewohnte Gemeinschaft der Familie für den Schulbesuch verlassen.

    Man kann in etwa sagen, dass zwei von 1000 Schulkindern unter Mutismus leiden. Das Stummsein dauert bei Mädchen länger als bei Jungen. (Mädchen: ca. 5,6 Jahre; Jungen: ca. 4 Jahre) Bei Mädchen tritt Mutismus ebenfalls geringfügig häufiger auf (1,6 : 1). Können die Kinder aber an außerschulischen und schulischen Aktivitäten ohne Druck teilnehmen, können personale und soziale Entwicklungsstörungen vermieden werden.

    Oft wird gegen Ende der Pubertät wieder zu Sprechen begonnen. Allerdings sind diese Menschen später häufig schüchtern und schweigsam.

    Psychische Konstitution bei Mutisten

    Verschiedene Wissenschaftler haben in Untersuchungen viele Gemeinsamkeiten bei Mutisten festgestellt. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die Mehrheit der Kinder sehr scheu war. Darüber hinaus zeigten sich Schwermut, ausgeprägte Sensibilität, Verlegenheit, Selbstunsicherheit und eine leichte Verletzbarkeit durch Spott und Ironie, aber auch einige eigensinnige Charakterzüge wie Beharrungsvermögen, trotziger Rückzug sowie ein ausgeprägter Negativismus. Ob die Intelligenz bei mutistischem Verhalten eine Rolle spielt, konnte jedoch noch nicht einheitlich geklärt werden.

    Diagnose und Therapie

    Bei der Diagnose von Mutismus muss man hirnorganische Schädigungen ausschließen können. Ebenso Krankheiten, zu deren Erscheinungsbildern das totale Verstummen zählt, wie z.B. bei Schizophrenie. Es werden in der Regel psychologische, psychiatrische und logopädische Untersuchungen durchgeführt, um die auslösenden Bedingungen des Verstummens festzustellen. Mutismus muss man klar von anderen Störungsbildern abgrenzen, die zum Teil dieselben Symptome aufweisen. (Sprechangst, Migrationseffekt, Autismus, Hörschädigung, Hörstummheit, Psychose u.a.)

    Bei Mutismus ist eine ganzheitliche Therapie notwendig. Sie sollte stationär erfolgen, um dem Kind einen Milieuwechsel zu ermöglichen. Desweiteren können vielseitigere Behandlungsmethoden und verschiedene Materialien verwendet werden. Die therapeutischen Maßnahmen sollten drei wesentliche Punkte beinhalten:

    • die primäre Symptomatik des Kindes
    • die reaktiven Verhaltensweisen der Bezugspersonen
  • die Defizite des Kindes an altersadäquaten Fähigkeiten.

    Grundvoraussetzung für die Therapie des Mutismus ist, möglichst früh mit ihr zu beginnen, um einer Manifestation des Schweigens vorzubeugen. Allerdings darf Mutismus nicht als isoliertes Symptom gesehen werden, sondern als Bestandteil des Gesamtverhaltens des Kindes, was bei der Diagnose und Therapie berücksichtigt werden sollte.

    Die Rolle der Eltern

    Mutismus kann mehrere Auslöser haben, weswegen auch verschiedene Therapieansätze angewandt werden müssen. Hierbei spielt die Mithilfe der Eltern eine große Rolle.

  • Das Schweigen wird vom Therapeuten nie direkt angegangen, sondern eher indirekt durch eine Umgestaltung der Umwelt. Ein Milieuwechsel ist dabei stets angebracht.
  • Die Eltern können durch Zeichnen Kontaktfreude auf Seiten des Kindes wecken.
  • Beim Singen und bei Rollenspielen mit Geschwistern oder Spielkameraden muss das mutistische Kind ganz selbstverständlich mit einbezogen werden. Eine Ausgrenzung würde es in seinem Schweigen nur bestätigen.
  • Ein Trick ist das permanente Falschbenennen von Dingen. Es besteht die Möglichkeit, dass das Kind seine Eltern korrigiert. (“Die Sonne scheint wieder grün!” – “Gelb.”)
  • Die Eltern sollten auch ins Auge fassen, ob ein Erzieher- oder Lehrerwechsel nicht angebracht wäre. Falls dies keine Änderung bringt, gäbe es noch den Heimaufenthalt.
  • Wenn schon mit aufbauenden Sprachübungen begonnen wurde, kann man über das Mitsprechen und nachahmende Sprechen zum freien und spontanen Sprechen hinführen.

    Um sich geborgen zu fühlen und Nestwärme empfangen zu können, muss die Familie ein stabiles System sein. Lassen sie den Therapeuten zu sich kommen, damit er die Familie und ihre Organisation näher betrachten kann. Schon kleinste Veränderungen können sich positiv auf die Therapie auswirken. Familientherapien haben sich ebenfalls bewährt. Man geht davon aus, dass das Familiensystem jedes Mitglied beeinflusst. Bei einer Sprachauffälligkeit wie Mutismus kann ein nicht intaktes Familiensystem vorliegen. Die Therapie wirkt auf die verschiedenen Verhaltensweisen der Familienmitglieder, wobei die Interaktionsprozesse im Mittelpunkt stehen.

    Etwas aufwendig aber garantiert erfolgsversprechend ist die Kreativität und Initiative der Eltern.

  • Streichen Sie das Zimmer des Kindes neu. Farben haben eine starke Wirkung. Orange und Rot geben Kraft und spenden Wärme, wogegen Blau eher kühl wirkt.
  • Nutzen sie natürliche Lichtquellen und machen sie Schattenspiele mit ihrem Kind.
  • Verwenden Sie verschiedene Materialien: Korkboden, Teppich, Holzbett, etc.
  • Legen Sie eine CD mit Meditationsmusik ein, damit die Stille und das Fehlen von Lärm als “schön” erfahren wird.
  • Beim Essen und Trinken steht der Mund im Mittelpunkt. Seien Sie hier besonders sensibel. Kochen Sie mit Ihrem Kind, denn hier können Sie leichter Zugang zu der kritischen Zone “Mund” bekommen.
  • Konzentrieren Sie sich stets auf das Kind, denn dadurch bekommt es das Gefühl des Angenommenseins.

    Der (s)elektive Mutismus scheint ein problematisches Verhalten zu sein, welches aber mehr einer emotionalen Bedürfnislage entspricht. Versuchen sie, wenn ihr Kind ängstlich reagiert, ihm Mut zu machen. Mut stärkt das Selbstvertrauen. Reiner Bahr schreibt in seinem Buch “Wenn Kinder schweigen” über den Zuspruch von Mut: “Wir sollten ihm (dem Kind) eine Insel anbieten, auf der es sicher leben kann. Dort helfen wir ihm, so gut schwimmen zu lernen, daß es sich gern von der Insel weg zum Festland bewegen möchte.”

    Sehr wichtig für sie als Eltern ist, dass sie ihre Gefühle akzeptieren und nicht unterdrücken. Lassen sie ruhig auch negative Gefühle wie Wut zu, denn dass sie sich unter Druck gesetzt fühlen, endlich Fortschritte zu sehen, ist selbstverständlich. Angst und Aggression können bei ihnen auftreten. Es hilft, darüber zu reden. Genehmigen sie sich eine Pause, gehen sie mit ihrem Partner wandern, entspannen sie sich. Sie sind der Pol, an dem sich ihr Kind orientiert. Kinder spüren Veränderungen und Anspannungen, die sich dann auch negativ auf die Therapie auswirken können.

    Hilfe und Kontakte

    Mutismus begegnen die meisten Eltern zum ersten Mal, wenn der Arzt die Diagnose gestellt hat. Suchen sie für ihr Kind Sprachtherapeuten (Sprachheilpädagogen und Logopäden). Erkundigen sie sich ebenfalls, ob der Lehrer oder Erzieher mit dem Krankheitsbild vertraut ist. Hilfreich ist auch eine Kontaktaufnahme mit einem Kinder- und Jugendpsychologen. Empfehlenswert sind Selbsthilfegruppen, denn man kann sich dort über seine eigenen Probleme austauschen und sich mit Betroffenen zusammensetzen. Meist kann man dort Informationen über Hilfsangebote bekommen.

    Sehr wichtig für sie als Eltern ist es, gelassen zu sein. Gelassenheit kann zu einer ganzheitlichen Wahrnehmung führen und Harmonie schaffen. Wenn man gelassen ist, fällt es einem leichter, loszulassen. Reiner Bahr hat 12 Glaubenssätze verfasst, mit denen es ihnen gelingen kann, ihrem Kind und dem Mutismus gegenüber gelassen aufzutreten.

  • Ich nehme das schweigende Kind mit seiner Ängstlichkeit an.
  • Das schweigende Kind ist genauso wie ich ein Teil dieser Welt.
  • Das schweigende Kind schätzt seine Freiheit genauso wie ich.
  • Ich möchte dem schweigenden Kind eine bedeutsame Person sein.
  • Ich arbeite stets an der Beziehung zum schweigenden Kind.
  • Das schweigende Kind schätzt eine gute Atmosphäre genauso wie ich.
  • Nur das schweigende Kind kann bestimmen, wann es reden möchte.
  • Das schweigende Kind ist genauso einzigartig wie jedes andere Kind auch.
  • Ich nehme die Bedürfnisse des schweigenden Kindes ernst.
  • Ich weiß, dass das schweigende Kind Halt und Sicherheit braucht.
  • Das Schweigen des Kindes ist eine beachtliche Fähigkeit.
  • Ich kann Abstand nehmen von den Problemen, die mir das schweigende Kind bereitet.

    Vielleicht helfen Ihnen diese Affirmationen, Mutismus etwas gelassener zu sehen. Sie können “das schweigende Kind” natürlich durch den Namen ihres Kindes ersetzen. Nehmen sie sich jeden Tag nur einen Satz vor. Wenn sie dann beim Letzten angekommen sind, fangen sie wieder von vorne an.

    Weiterführende Lektüre und Internetseiten

  • Bahr, Reiner: Wenn Kinder schweigen, Düsseldorf/Zürich, 2002.
  • Bahr, Reiner: Schweigende Kinder verstehen. Kommunikation und Bewältigung beim elektiven Mutismus, Heidelberg, 1996
  • Braun, Otto: Sprachstörungen bei Kindern und Jugendlichen, Stuttgart, 2002
  • Franke, Ulrike: Logopädisches Handlexikon, München/Basel, 2001
  • Grohnfeldt, Manfred (Hrsg.): Handbuch der Sprachtherapie, Band 5: Störungen der Redefähigkeit, Berlin, 1992
  • Grohnfeldt, Manfred (Hrsg.):Lebenslaufstudien und Sprachheilpädagogik, Dortmund, 1996
  • Grohnfeldt, Manfred (Hrsg.):Lehrbuch der Sprachheilpädagogik und Logopädie, Band 2: Erscheinungsformen und Störungsbilder, Stuttgart, 2002
  • Hartmann, B. (1997): Mutismus – Zur Theorie und Kasuistik des totalen und elektiven Mutismus. Grohnfeldt, M. (Hrsg.): Schriften zur Sprachheilpädagogik, Band 1 Berlin: Edition Marhold im Wissenschaftsverlag Volker Spiess
  • Mutismus im ICD-10
  • http://www.boris-hartmann.de
  • http://www.mutismus.de (hier finden Sie die aktuellen Zeiten und Telefonnummern der Beratungs-Hotlines)
  • http://www.mutismus.net (Hotline 08151 / 973533, Montag, Dienstag, Donnerstag 10.00 – 11.30 Uhr)
  • http://www.selectivemutism.org